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18. Mai 2014 bis 26. April 2015
Zwischen Verehrung und Augenhöhe - Georg II. von Sachsen-Meiningen (1826–1914) und die bildende Kunst

Ausstellung zum 100. Todestag
Schloss Elisabethenburg


Am 25. Juni 2014 gedachte Meiningen des 100. Todestages Georgs II. von Sachsen-Meiningen. Das Verhältnis Georgs II. zur bildenden Kunst stand ab Mai 2014 im Mittelpunkt einer Ausstellung der Meininger Museen in seiner Wohn- und Wirkungsstätte, im Schloss Elisabethenburg. Der berühmte Theaterherzog und Musikmäzen war zugleich Kunsthistoriker, Kunstförderer und Künstler. Einerseits griff er kenntnisreich im Sinne des Historismus in zahlreiche Baumaßnahmen in der Residenzstadt und im Herzogtum ein, andererseits knüpfte er vielseitige Kontakte zu namhaften bildenden Künstlern seiner Zeit. Wilhelm Lindenschmit d. Ä. und Ferdinand Müller zählten zu den Lehrern des Erbprinzen Georg. Mit Arthur Fitger und Adolf von Hildebrand war er eng befreundet. Ein intensives Arbeitsverhältnis pflegte der Herzog vor allem mit den Bühnenbildnern Max und Gotthold Brückner in Coburg. Außerdem förderte Georg II. junge Künstler wie Hans Hattop d. Ä. oder Adolf Trabert. Dieses Beziehungsgeflecht zwischen Verehrung und Augenhöhe hat die Ausstellung anhand zahlreicher Originale veranschaulicht.
  

 

 

 

Buchtipp:


Maren Goltz, Werner Greiling und Johannes Mötsch (Hg.)
 

Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (1826–1914) 
Kultur als Behauptungsstrategie?


978-3-412-50151-8, 550 S. Gb.,
€ 75.00 [D]  |   € 78.00 [A]

 

 

 

 

 

Künstlerpersönlichkeiten im Umfeld Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen

 

Wilhelm Lindenschmit d. Ä. (1806 – 1848)

Der Weg zu Fuß von Meiningen zum Schloss Landsberg und zurück muss für den Maler beschwerlich gewesen sein. Anschaulich und humorig schilderte er dies in zwei Zeichnungen (Abb.), was anscheinend half, denn Herzog Bernhard II. stellte ihm ein Gespann zur Verfügung. Schließlich hatte er ihn ja auch nach Meiningen berufen – einmal, weil der Künstler den Erbprinzen Georg im Zeichnen unterrichten und dann auch, weil er den Rittersaal im Schloss ausmalen sollte. Das war 1839. Wilhelm Lindenschmit d. Ä. – so der Name des Malers – war kein Unbekannter. 1806 in Mainz geboren, hatte er sich mit Wandbildern in München und in Schloss Hohenschwangau einen Namen gemacht und sich für den Meininger Auftrag qualifiziert. Mit Ludwig Bechstein war er befreundet, was vielleicht auch bei seiner Berufung eine Rolle gespielt haben mag.

Ursprünglich sollte er zehn Wandbilder malen, doch schließlich einigte man sich auf folgende acht Gemälde zur sächsisch-thüringischen (Sagen-) Geschichte: der Kampf Konrads, Markgraf zu Meißen, und Heinrichs des Löwen 1147 gegen die Obotriten, der Sängerkrieg auf der Wartburg 1207, der Abschied Ludwigs IV. von seiner Gemahlin, der hl. Elisabeth in Meiningen 1227, Heinrichs des Erlauchten Prachtturnier zu Nordhausen 1264, Friedrich der Gebissene entführt seine Braut 1303, Friedrich der Gebissene bringt sein Kind zur Taufe 1306, Friedrich und Diezmann schlagen die Schlacht bei Lucka 1307 sowie Friedrich der Streitbare und sein Fürstenwort 1415. Abgesehen von der in ihnen zum Ausdruck kommenden romantischen Verklärung des Mittelalters, sind die Wandbilder in der Tradition mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Darstellungen von Herrschertugenden zu sehen. Sechs Wandbilder malte Lindenschmit 1841 – 1846 direkt auf die Wand (Secco-, nicht Freskotechnik), zwei malte er auf Leinwände, die in die schon bestehende Umrahmung eingepasst wurden. Seine Kenntnisse mittelalterlicher Kleidung, Rüstung und Bewaffnung konnte er dabei ebenso einbringen wie sein profundes historisches Wissen. Nicht zufällig wandte er sich in seinen letzten Lebensjahren zusammen mit seinem Bruder Ludwig Lindenschmit d. Ä. der Archäologie zu. Wie andere Historienbilder Lindenschmits sind auch diejenigen auf dem Landsberg von der Münchner Schule geprägt – von seinem Lehrer Peter von Cornelius, Julius Schnorr von Carolsfeld und Moritz von Schwind. So ist es auch kein Zufall, dass der Erbprinz und spätere Regent zu eben diesen Malern Kontakte unterhielt.

Als Lindenschmit seine Wandbilder auf Schloss Landsberg 1846 vollendete, zählte Erbprinz Georg gerade 20 Jahre. Doch nahm er trotz seines jugendlichen Alters lebhaften Anteil daran. So forderte er den Maler in Briefen zur Weiterarbeit auf und schaltete sich auch in die Verhandlungen zwischen seinem Vater Bernhard II. und Lindenschmit ein, indem er den Maler bat, seine finanziellen Forderungen etwas zu mildern. Als Hofmaler unterrichtete Lindenschmit den Erbprinzen im Zeichnen, denn in Briefen ist wiederholt die Rede von Zeichnungen, die Georg dem Maler zusandte und die zur weiteren Begutachtung an Peter von Cornelius nach Berlin geschickt wurden. Dies geschah auch noch, als der Erbprinz ab 1844 in Bonn studierte. Es ist anzunehmen, dass Lindenschmit zu denjenigen Künstlern gehörte, die Georgs Begeisterung für die bildende Kunst (er studierte bekanntlich u. a. Kunstgeschichte) geweckt haben. Erst Lindenschmits früher Tod am 12. März 1848 in Mainz beendete die künstlerisch so ertrag- und folgenreiche Beziehung.

Text: Dr. Norbert Suhr, Mainz

Abbildungen:
W. Lindenschmit d. Ä.: Selbstbildnis mit Familie, 1836, Öl/Lwd., Landesmuseum Mainz (GDKE), Foto: Ursula Rudischer

W. Lindenschmit d. Ä.: W. Lindenschmit im Regen auf dem Weg zwischen Meiningen und dem Landsberg, Pinselzeichnung, Landesmuseum Mainz (GDKE), Foto: Ursula Rudischer

W. Lindenschmit d. Ä.: W. Lindenschmit unter sengender Sonne auf dem Weg zwischen Meiningen und dem Landsberg, Pinselzeichnung, Landesmuseum Mainz (GDKE), Foto: Ursula Rudischer

W.Lindenschmit d. Ä.: Conrad des Großen Kampf gegen die heidnischen Obotriten 1147, Historiengemälde zu wettinischen Landesgeschichte, Schloss Landsberg, Meiningen, Rittersaal, Foto: Meininger Museen, Manfred Koch

 

 

  

 

 

 



Carl Lossow (1835-1861)

… gehörte, nachdem er im September 1855 seinen Künstlerfreund Andreas Müller in Meiningen besucht hatte, zum Kreis der von Erbprinz Georg bevorzugten Künstler. Das verdeutlicht obiges Zitat aus einem Brief vom 7.10. 1855 an den ihm befreundeten Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach. Zu diesem Zeitpunkt weilte er zusammen mit den beiden jungen Historienmalern auf seiner Villa Carlotta am Comer See. Sie diente ihm nach dem tragischen Tod seiner Frau Charlotte im März 1855 als Ort der Trauerbewältigung, war aber zugleich auch Zentrum intensiver geistiger und bildkünstlerischer Aktivitäten. Die von ihm gemeinsam mit seinen Malerfreunden unternommenen oder für sie finanzierten Studienreisen (1855, 1857 und 1858) zu den bedeutendsten italienischen Kunstzentren Rom, Venedig, Florenz sowie diverse Aufträge förderten die am Anfang einer vielversprechenden künstlerischen Karriere stehenden jungen Künstler enorm. Andreas Müller begann 1855 mit ersten Studien zu dem Gemälde „Apotheose der Erbprinzessin Charlotte“, seinem bedeutendsten Frühwerk. Carl Lossow befasste sich im Auftrag des Meininger Erbprinzen mit Themen aus der Sagenwelt und mit historischen Stoffen. In der Ausstellung der Meininger Museen ist, und das erstmals in Meiningen, eine Auswahl seiner zumeist mit Bleistift ausgeführten Zeichnungen  und Studienblätter zu sehen.

Optischer Höhepunkt dieses Ausstellungsteils ist jedoch eine andere Arbeit Lossows. Das den Betrachter eigenartig berührende Kinderbildnis stellt Prinz Bernhard von Sachsen-Meiningen dar, den 1851 geborenen ältesten Sohn des Meininger Erbprinzenpaares Georg und Charlotte. Aus dem Bild heraus schaut kein strahlend-glückliches unbeschwertes Kind, sondern ein dunkel gekleideter ernst blickender Knabe. Das Entstehungsjahr 1855 liefert die Erklärung dafür. Bernhards Mutter starb zwei Tage vor seinem vierten Geburtstag. Nur drei Monate zuvor hatte er zudem den Tod seines jüngeren Bruders Georg miterleben müssen. In seinen Händen hält er einen Spielzeugdegen, jedoch nicht in spielerisch-kämpferischer Pose, sondern eher wie ein Ehrenzeichen. Das ist evtl. als symbolischer Hinweis auf seinen Erbprinzenstatus zu deuten. Ab 1914 regierender Herzog von Sachsen-Meiningen, war er der letzte Regent des 1918 aufgelösten Herzogtums. 

Das Bildnis gehört zusammen mit der „Apotheose“ zu jenen Kunstwerken, die Erbprinz Georg in jenem Jahr in Auftrag gab, wo ihn allein die Beschäftigung mit der Kunst half, seine schwere Lebenskrise zu bewältigen.


Text: Ingrid Reißland, Ellingshausen

Abbildungen

Carl Losssow, Selbstbildnis, aus: Deutsche Lieder. Illustrirt von Carl Lossow. Friedrich Bruckmann’s Verlag,  München & Berlin nach 1870

Carl Lossow, Bildnis des Meininger Erbprinzen Bernhard, Öl/Leinwand, 1855

 

 

 


 

 

Ferdinand Müller (1809 –1881)

In der aktuellen Sonderausstellung der Meininger Museen "Zwischen Verehrung und Augenhöhe", die das lebenslange und intensive Verhältnis Herzog Georgs II. von Sachsen-Meiningen zur bildenden Kunst beleuchtet, ist auch dem einstigen sachsen-meiningischen Hofbildhauer Ferdinand Müller (16.10.1809 – 06.09.1881) ein Kapitel gewidmet. Nach seinem zehnjährigen Studium an der Akademie der Bildenden Künste München, wo er ab 1835 zu den begabtesten Schülern Ludwig Michael Schwanthalers gehörte, trat dieser Künstler 1840 in den Dienst von Georgs Vater Bernhard II., dem damaligen Regenten des kleinen südthüringischen Herzogtums. Zunächst war Ferdinand Müller mit der plastischen Ausstattung von Schloss Landsberg bei Meiningen betraut, das als ein frühes Beispiel der Burgenromantik des 19. Jahrhunderts gerade im Bau war. Dabei rückte er auch in den Kreis jener Künstler, deren Werk Georg besonders in seiner Zeit als Erbprinz als Orientierung und Maßstab für die eigene künstlerische Entwicklung als förder-, ja sogar verehrungswürdig erachtete. So widmete sich der Bildhauer im Auftrag Georgs ab 1853 einem mehrteiligen Relieffries, der neben Kämpfen zwischen Römern und Germanen auch Sequenzen aus den Eroberungszügen Kaiser Friedrich Barbarossas nach Italien behandelte. Diese Arbeit war für die Villa Carlotta am Comer See bestimmt, die die preußische Prinzessin Charlotte bei ihrer Hochzeit mit dem Meininger Erbprinzen (18. Mai 1850) als eine noble Mitgift mit auf den Weg bekam.

Ein schwerer persönlicher Schicksalsschlag sollte wenige Jahre später für Georg Anlass sein, an Ferdinand Müller gleich mehrere plastische Werke zu vergeben. So waren ihm kurz hintereinander zwei Söhne und die geliebte Frau gestorben. Ein Zimmerkenotaph, das in Marmor den noch nicht einmal dreijährigen Sohn Georg Albrecht auf dem Totenbett zeigt, dürfte in dieser schweren Lebenssituation für den Erbprinzen ebenso ein anrührender Ausdruck steter Erinnerung gewesen sein wie das in exakter Lebensgröße geschaffene marmorne Abbild der sanft ineinander liegenden Hände der verstorbenen Charlotte.

Als ob Georg auch ein zeitiges Ableben von Bernhard und Marie befürchtete, der beiden noch lebenden Kinder aus dieser Ehe, lässt er sie von Ferdinand Müller mit einer Gruppenplastik voller Liebreiz verewigen. Das Werk stellt das eng beieinander stehende Geschwisterpaar dar. Der Bruder hat behutsam - wie zum Schutz - seine Linke auf die Schulter der jüngeren Schwester gelegt, die etliche Kokons in ihrem vor dem Leib gerafften Gewand trägt. Maries rechte Hand berührt die ausgestreckte Rechte Bernhards, auf der mit gespreizten Flügeln ein großer Falter sitzt. Bei einer Gipsplastik, die sich in der Villa Carlotta erhalten hat, dürfte es sich um die Ur-Version dieses klassizistische und romantische Merkmale vereinenden Werks handeln. Anfang der 1860iger Jahre bestellte der Onkel der verstorbenen Charlotte, der preußische König Friedrich Wilhelm IV. davon ein Exemplar in Marmor. Als Leihgabe der Schlösserstiftung Berlin-Brandenburg war diese Plastik ab Ende Juli 2014 auch in der Meininger Ausstellung zu bewundern.  

Text: Winfried Wiegand, Meininger Museen

Abbildungen

Ferdinand Müller, Zimmerkenotaph für Prinz Georg Albrecht, 1855, Marmor, Unterbau Eiche, Fotograf: Manfred Koch, Meininger Museen

Ferdinand Müller, Kindergruppe Marie und Bernhard, um 1862, Marmor, (historische Aufnahme) Bildarchiv der Schlösserstiftung Berlin-Brandenburg
 

   


 

Andreas Müller (1831 – 1901)

Vor einhundertsechzig Jahren, am 30. März 1855, starb 23-jährig Charlotte, preußische Prinzessin und erste Gemahlin des Herzogs Georg II. von Sachsen-Meiningen. Vorausgegangen waren ihr der am Tag zuvor zur Welt gekommene, noch namenlose Prinz, das vierte Kind des seit 1850 verheirateten Erbprinzenpaares, und der knapp dreijährige zweite Sohn Georg, der am 27. Januar 1855 gestorben war. Der verwitwete, in tiefe Trauer gefallene Erbprinz suchte Trost und Ablenkung auch durch Unternehmung ausgedehnter Kunstreisen, die ihn nach Italien, Frankreich und England führten. Zugleich gab er eine Reihe von Werken der bildenden Kunst in Auftrag, die seiner ganz persönlichen Andacht an die Verstorbenen dienten und sie zur dauerhaften Erinnerung verewigten.

Das Hauptwerk dieser Form von Trauerarbeit ist das 1856/57 entstandene, auch mit „Des Herzogs Traum“ bezeichnete Gemälde „Die Apotheose der Erbprinzessin Charlotte“ von Andreas Müller (1831-1901). Mit diesem von Georg zeitlebens hochgeschätzten, aus Rettenberg bei Immenstadt im Allgäu stammenden Künstler hatte der Erbprinz 1855/56 eine Italienreise unternommen, auf der die Begegnung mit Werken des Florentiner Malermönchs Fra Angelico (1395/1400-1455) für beide zu einem Schlüsselerlebnis wurde. Die Idee zu dem Gemälde stammte von Georg selbst: „In der Seele des schmerzerfüllten fürstlichen Wittwers aber reiften bald der Gedanke und der erste Entwurf zu einer Apotheose der hohen Dahingeschiedenen“ (Ludwig Bechstein), die Müller bereits im Todesjahr der Erbprinzessin bildlich umsetzte, aber unter dem Eindruck des in Italien Gesehenen grundlegend modifizierte.

Dargestellt ist Charlotte, liegend und betend, in ein langes weißes Gewand gekleidet, die von vier Engeln aus der im Dunkel liegenden Residenzstadt Meiningen emporgetragen wird, wo allein das im Vordergrund in fahlem Licht stehende Schloss Elisabethenburg deutlich erkennbar ist. Zur Rechten der Erbprinzessin trägt ein fünfter Engel den Prinzen, dessen Blick und Arme auf seinen Bruder Georg gerichtet sind, der beiden unter gleißendem Himmelslicht und in Begleitung von dreizehn Kinderengeln begrüßend mit ausgebreiteten Armen entgegenkommt. Das Gemälde, ein frühes Meisterwerk von Andreas Müller, mutet an wie ein Heiligenbild. Die auf dem breiten, verzierten und vergoldeten Rahmen angebrachten Bibelzitate unterstreichen diese Wirkung, ihre Aussagen – „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“ und „Lasst die Kinder zu mir kommen; (hindert sie nicht daran!) Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich.“ – beziehen sich auf die drei Dargestellten; Charlotte ist die erstere Inschrift gewidmet.

Text: Dr. Bertram Lucke, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Erfurt

Abbildungen

Porträt Andreas Müller, aus Heinz Gebhardt: Fanz Hanfstaengl. Von der Lithographie zur Photographie. Katalog Münchner Stadtmuseum

Andreas Müller: „Die Apotheose der Erbprinzessin Charlotte“, Gemälde 1856/57 Meininger Museen, Schloss Elisabethenburg, Foto Manfred Koch, Meininger Museen

 

 

 

 


 

Ludwig Richter (1803 – 1884) und Heinrich Spieß (1832 – 1895)

Im einst herzoglichen Badeort Liebenstein ließ sich Erbprinz Georg in den Jahren 1860 bis 1862 seine erste Sommerresidenz errichten, ein im Schweizerhaus-Stil ausgeführtes zweigeschossiges Bauwerk mit Flachsatteldach und umlaufendem Balkon, das zur Bezeichnung den Vornamen von Feodora, der zweiten Gemahlin des Bauherrn erhielt. Die Villa Feodora trägt an ihren Obergeschosswänden in Freskotechnik angebrachte Wandmalereien, eine zur gehobenen Ausstattung dieses Haustyps zählende Dekorationsform, die in ihrem Ursprungsgebiet als Lüftlmalerei bezeichnet wird. Im Frühjahr 1862 erhielt der renommierte Dresdener Zeichner und Maler Ludwig Richter vom Erbprinzenpaar den Auftrag zur Anfertigung betreffender Entwürfe für diese Malereien. Richter, der auch vor Ort war, ersann ein sieben Darstellungen umfassendes Bildprogramm mit Allegorien der vier Jahreszeiten und einem vignettenähnlichen Jahreskranz in deren Mitte sowie mit zwei vielfigurigen ländlichen Alltagsszenen, für die später die Titel „Mittagszeit“ und „Feierabend“ geprägt wurden.

Die Umsetzung in Lüftlmalerei erfolgte durch den Münchener Historienmaler Heinrich Spieß, sein jüngerer Bruder August Spieß unterstützte ihn. Heinrich Spieß, der unter anderem Moritz von Schwind bei der Ausführung von dessen Wartburg-Fresken (1854/55) geholfen hatte, erwies sich als kongenialer Künstler, galt es doch, die kleinformatigen Richterschen Zeichnungen ins Monumentale zu bringen, ohne dass dadurch die bezaubernde Lieblichkeit dieser Entwürfe des Dresdener Spätromantikers verloren ging. Georg selbst verlieh den vielfigurigen, scheinbar alltäglichen Szenen „Mittagszeit“ und „Feierabend“ eine zweite, sehr persönliche Bedeutungsebene: Diese großformatigen Bilder tragen Porträts seiner beiden Gemahlinnen und ihrer jeweiligen Kinder, was die Einbeziehung dreier bereits gestorbener Menschen – der Erbprinzessin Charlotte mit dem Prinzen und des Prinzen Georg – bedeutete. Zusammen mit Erbprinz Bernhard und Prinzessin Marie sind sie im Kreis der Tanzenden auf dem „Feierabend“-Bild dargestellt. Der Geige spielende Mann am rechten Bildrand ist Ludwig Richter. Auf dem „Mittagszeit“-Bild ist Erbprinzessin Feodora mit dem Spinnen beschäftigt, ihre beiden Söhne Prinz Ernst und Prinz Friedrich sind in blaue Röcke gekleidet. In der Figur des heimkehrenden Bauern erkennt man Heinrich Spieß. „Wenn nur Ihre sinnigen Compositionen erst gemalt auf den Wänden meines Hauses prangten!!“ hatte Erbprinz Georg 1863 in einem seiner Briefe an Ludwig Richter geschrieben; im Sommer 1864, also vor 150 Jahren, waren sie vollendet.

Text: Dr. Bertram Lucke, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Erfurt

Abbildungen

„Mittagszeit“ und der “Feierabend” (1 und 2), Lüftlmalereien an der Villa Feodora in Bad Liebenstein, Foto Meininger Museen, Manfred Koch

Heinrich Spieß, Porträt des Ludwig Richter als Musikant, Detail aus „Feierabend“, 1862, Kohle, Karton auf Leinwand, Meininger Museen, Foto Meininger Museen, Manfred Koch

Heinrich Spieß, Vermutliches Selbstporträt, Detail aus „Mittagszeit“, 1862, Kohle, Karton auf Leinwand, Meininger Museen, Foto Meininger Museen, Manfred Koch

 

 

    

 


 

Moritz von Schwind (1804 – 1871)

Früh begonnen und spät vollendet: Erst vierunddreißig Jahre nach Auftragsvergabe waren die drei der Sonneberger Stadtkirche zugedachten Glasgemälde-Stiftungen des Herzogs Georg II. fertiggestellt. Sie sind ein überaus qualitätvolles Zeugnis innerhalb der umfangreichen Stiftungstätigkeit dieses Fürsten auf dem Gebiet der evangelischen Landeskirche im Herzogtum Sachsen-Meiningen und können unverändert an ihrem angestammten Platz betrachtet werden.

Der 31-jährige Erbprinz hatte 1857 bei dem Münchener Maler Moritz von Schwind die betreffenden Kartons in Auftrag gegeben und dabei drei Szenen aus der christlichen Heilsgeschichte bestimmt: die Taufe Christi, die Verklärung Christi und das Mahl in Emmaus. Christi Verklärung sollte gemäß Georgs Vorgabe nach einem Werk des von ihm verehrten Malermönches Fra Angelico ausgeführt werden, das dieser mehr als vierhundert Jahre zuvor im Kloster von San Marco in Florenz geschaffen hatte. Der Erbprinz besuchte Schwind, seit 1846 Professor für Historienmalerei an der Königlich-Bayerischen Akademie der bildenden Künste, im Zuge der Auftragsvergabe in dessen Atelier. Der Künstler, einer der Hauptmeister der deutschen Spätromantik, war zuvor bereits mehrfach mit der Anfertigung von Kartons für Glasgemälde befasst gewesen; auch schätzte Georg Schwinds gerade vollendeten Fresken auf der Wartburg sehr. Ende August 1859 waren die drei Kartons fertig. „Die Ausführung derselben durch einen dem Componisten würdigen Glasmaler wird nicht wohlfeil sein und muss damit noch etwas angestanden werden.“ Das schrieb Georg an seinen engen Vertrauten, den Kommerzienrat Adolf Fleischmann, einem der namhaftesten Industriellen der Spielzeugstadt. So gelangten die Kartons einstweilen als Anschauungsstücke in den von beiden Herren ins Leben gerufenen Kunst- und Industrieverein Sonneberg.

Zur Umsetzung auf Glas kam es erst im Zuge der 1890/91 durchgeführten Renovierung der Sonneberger Stadtkirche. Der seit dem Jahr 1866 regierende Herzog Georg II. ließ die Fenster von der renommierten Werkstatt C. H. Burckhardt & Sohn in München ausführen. Die aus dem sachsen-meiningenschen Eisfeld stammenden Glasmaler hatten zudem Ersatz für den abhanden gekommenen Emmaus-Karton zu schaffen und waren dabei fast an den hohen Ansprüchen des Stifters gescheitert. In der Herzog Georg II. gewidmeten Sonderausstellung im Schloss Elisabethenburg wurde der Originalkarton zum hier abgebildeten Glasgemälde „Die Taufe Christi“ gezeigt.

Text: Dr. Bertram Lucke, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Erfurt

Abbildungen

Moritz von Schwind, Porträtfotografie von Franz Hanfstaengl, München, um 1860, Reproduktion Meininger Museen, Manfred Koch

Werkstatt C. H. Burckhardt & Sohn in München nach Moritz von Schwind, Glasgemälde mit der Darstellung der Taufe Christi in der evangelischen Stadtkirche Sonneberg, Foto Hans P. Szyszka, Erfurt

 

 

 


 

Peter von Cornelius (1783 – 1867)

In einem Brief an seine Mutter offenbart der Erbprinz Georg 1860 seine Hochachtung vor jenem Künstler, der bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu den bedeutendsten und meistbeschäftigsten deutschen Historienmalern gehörte. Das hier vorgestellte Bild „Die Entführung der Helena durch Paris“ (Tempera auf Schieferplatte; 98 x 31,5 cm) dokumentiert die Bestrebungen von Cornelius nach Reform der deutschen Kunst mithilfe der Freskomalerei. Da das originale Fresko in der Münchener Glyptothek unwiderbringlich zerstört ist, kommt der in den Meininger Museen vorhandenen Version eine besondere Bedeutung zu.

Zur Erwerbungsgeschichte und dem inhaltlichen Hintergrund sei folgendes gesagt: Prinz Georg war seit den 1840er Jahren persönlich mit Cornelius bekannt und wurde für ihn zur wichtigsten Autorität in Kunstangelegenheiten. Er hielt ihn für den größten deutschen Maler nach Dürer: „Cornelius‘ Name, des bin ich überzeugt, wird in Jahrhunderten neben Raffael und Michelangelo glänzen“. So ist es nur folgerichtig, dass sich in der der vom ihm 1857 organisierten Meininger „Ausstellung historischer Cartons, Gemälde und Sculpturen“ insgesamt 10 Arbeiten von Cornelius befanden, darunter auch Kartons für die Fresken in der Münchener Ludwigskirche und in der königlichen Glyptothek. Als Nr. 52 ist genannt: „Die Entführung der Helena, von Cornelius. Ausgeführt in der königl. Glyptothek zu München“. Es ist jenes Bild, welches in der Ausstellung der Meininger Museen neben diversen Grafiken und Kopien die Beziehung Herzog Georg II. zu Cornelius dokumentiert.

Zwischen 1820 und 1830 malte Cornelius im Auftrag König Ludwig I. zwei Säle der von Leo von Klenze erbauten Glyptpthek mit Themen aus der antiken Mythologie aus. Die Fresken in den Lünetten und Gewölbefeldern des Trojanischen Saals hatten die Entstehung und Entwicklung des trojanischen Krieges zum Inhalt. Auslöser dieses bedeutendsten Ereignisses der griechischen Mythologie war die Entführung der Zeus-Tochter Helena durch Paris. Von Aphrodite dem trojanischen Prinzen versprochen, ließ sie sich mit eigenem Einverständnis nach Troja entführen. Zur Beschreibung dieses Motivs folgen wir H. Brauns „Beschreibung der Glyptothek König Ludwig’s I. zu München von 1868. Der zitierte Text beschreibt zugleich auch das Meininger Bild: „Paris und Helena sitzen auf einem Schiffe, von Seethieren gezogen. Amorinen rudern, lenken die Thiere und spielen zur Leier. An der Fackel des Hymen, welcher am Steuer sitzt, zünden die durch die Luft nacheilenden Erinnyen die ihrigen an.“


Text: Ingrid Reißland, Ellingshausen

Abbildungen

Peter von Cornelius, Foto von Fr. Hanfstaengl München, Reproduktion Meininger Museen, Manfred Koch

Peter von Cornelius: Die Entführung der Helena durch Paris, Meininger Museen, Foto Meininger Museen, Manfred Koch

 

 

 


 

Max Brückner (1836 – 1919)

Zu keinem anderen Künstler unterhielt Herzog Georg II. derart intensive, lange andauernde und kollegiale, beinahe schon freundschaftlich zu nennende Beziehungen, wie zu Max Brückner. Der bedeutendste Theatermaler seiner Zeit wurde am 14. März 1836 als zweites Kind von Heinrich Brückner (Theatermaler, Maschinenmeister und Chorsänger am Coburger Hoftheater) und seiner Frau Amalie in Coburg geboren. Er besuchte die dortige Ratsschule und absolvierte anschließend, auf Geheiß des Vaters, bis 1853 eine vierjährige Bäckerlehre. Erst jetzt entsprach der Vater dem Wunsch des Sohnes nach einer Ausbildung zum Landschaftsmaler. Zunächst lernte er als Gehilfe des Vaters im Malsaal des Coburger Hoftheaters. 1855 schloss sich ein Studium bei dem Münchener Landschaftsmaler Albert Zimmermann an, der den jungen Künstler zum Skizzieren in der Natur ermunterte. Hier gründet sein lebenslanges Credo: „Ich male, wie ich es sehe in der Natur, die Anderen können malen, wie sie wollen.“

Praktika im Malsaal der Berliner Hofoper und im Atelier von Carl Gropius, sowie ein einjähriger Studienaufenthalt in London, wo er das in Blüte stehende historisch-naturalistische Ausstattungswesen und die neuesten Errungenschaften der Theatermaschinerie kennen lernte, vervollkommneten seine Ausbildung. 1863 erhielt Max Brückner vom Coburger Herzog Ernst II. eine Anstellung auf Lebenszeit, die 1865 mit der Ernennung zum Hoftheatermaler bestätigt wurde. Die Vertragskonstruktion enthielt die ausdrückliche Zusicherung, auch für auswärtige Bühnen tätig sein zu dürfen.

Der sich rasch verbreitende gute Ruf Max Brückners führte zu einer steigenden Nachfrage nach seinen Dekorationen. Gemeinsam mit seinem Bruder Gotthold entschloss sich Max Brückner zur Gründung eines eigenen „Ateliers für Theater- und Dekorationsmalerei“, das im Jahre 1872 den Betrieb aufnahm. Das Ziel des jungen Familienunternehmens der Gebrüder Brückner bestand in der Herstellung künstlerisch hochwertiger Theaterdekorationen für einen kleinen Kreis ambitionierter „Kunden“. Von Beginn an gehörte Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen, der als „Theaterherzog“ in die europäische Theatergeschichte eingegangen ist“, zu den wichtigsten „auswärtigen“ Auftraggebern der Brückners. Bis auf wenige Ausnahmen ließ er über fünf Jahrzehnte alle Dekorationen für sein Hoftheater im Brücknerschen Atelier fertigen.

Die ersten Kontakte der Brückners nach Meiningen sind bereits für das Jahr 1856 nachweisbar. Zwei Monate, vom 22. Januar bis 22. März, versah der gerade 20jährige Max Brückner für die Gage von 40 Gulden zzgl. freier Fahrt zwischen Gotha/Coburg und Meiningen die Aufgaben des Theatermalers, Dekorateurs und Maschinisten am Meininger Hoftheater. „Der junge Mann ist schon ziemlich eingeschult, auch als Maler ganz tüchtig u. selbstständig. Seine Entwürfe bedürfen der väterlichen Revision nicht“, berichtete man aus Gotha der Meininger Intendanz. Neben den laufenden Aufgaben hat er in dieser Zeit den größten Teil der Dekorationen für die Meyerbeersche Oper „Der Prophet“ umgearbeitet bzw. neu angefertigt. Als sehr wahrscheinlich kann gelten, dass dieses Engagement in der Spielzeit 1856/57 wiederholt wurde. Auch der Vater, Heinrich Brückner, wurde mindestens bis 1858 vom Meininger Hoftheater mit Aufträgen bedacht, u. a. malte er die Dekorationen für „Tannhäuser“ und „Gefahr im Verzuge“. In dieser Zeit lernte der Erbprinz Georg, der sich schon damals als Kostümbildner für auswärtige Bühnenstars (Lina Fuhr) betätigte und gelegentlich Versuche unternahm, Einfluss auf das Dekorationswesen des eigenen Theaters zu gewinnen, den talentierten Max Brückner kennen. Nach seiner Regierungsübernahme 1866 wurden die alten Kontakte neu geknüpft und zu der in der Theatergeschichtsschreibung bekannten intensiven Kooperation fortentwickelt. Bei einer bloßen Bestellung ließ es der „Theaterherzog“ jedoch nicht bewenden. Er zeichnete eine Vielzahl von Bühnenbildentwürfen, die zusammen mit dem Stücktext, ergänzender Literatur, Bildwerken und ausführlichen brieflichen Erläuterungen nach Coburg geschickt wurden. Die Coburger Theatermaler fertigten ihrerseits Skizzen und kleine Modelle, die zur kritischen Ansicht nach Meiningen geschickt wurden. Was auf diese Weise nicht geklärt werden konnte, erörterte der Theaterherzog im persönlichen Gespräch mit seinem „lieben Brückner“, der zunächst „Euer Wohlgeboren“ oder „bester Herr Brückner“ tituliert wurde.

Basierend auf dem fruchtbaren Gedankenaustausch zwischen dem Theaterherzog und dem Theatermaler entstanden eine Vielzahl von beeindruckenden Dekorationen für die großen Meisterwerke der klassischen Dramen Shakespeares, Schillers und Kleists, sowie ausgewählter Werke der zeitgenössischen Bühnenliteratur. Ohne Zweifel haben die Kunstwerke aus dem „Atelier für Theater-Decorations-Malerei“ der Gebrüder Max und Gotthold Brückner in Coburg maßgeblich zum Erfolg der „Meininger“ in der Zeit der Gastspielreisen 1874 bis 1890 beigetragen. Sie waren der visuelle Beleg für die in Meiningen erdachte Schauspielreform. Die künstlerische Partnerschaft dauerte bis 1912 an. Kurz vor seinem Tode soll der Theaterherzog seine Wertschätzung für Brückner in dem Satz zusammengefasst haben: „Ein Max Brückner kommt sobald nicht wieder.“

Ab 1874, dem Jahr, in dem die Brücknerschen Kunstwerke durch die beginnenden Gastspielreisen des Meininger Hoftheaters einem großen nationalen Publikum erstmals präsentiert wurden, arbeitete das Coburger Atelier für einen zweiten Großkunden: Richard Wagner, der nach vielfältigen Verzögerungen die Bayreuther Festspiele 1876 vorbereitete. Bis 1911 stattete das Atelier Brückner alle zehn musikdramatischen Werke, die Wagner für Aufführungen im Bayreuther Festspielhaus ausgewählt hatte, mit Dekorationen aus.

Nach dem Tode des Bruders Gotthold 1892 leitete Max Brückner die Werkstatt, die 1903 in „Atelier für szenische Bühnenbilder“ umbenannt wurde, allein. Er unternahm vielfältig Anstrengungen, das gemalte Bühnenbild mit der plastischen Gestaltung der Bühne zu vereinen, experimentierte mit Wandel- und Rundhorizonten sowie mit dem Einsatz der Beleuchtung als Mittel der szenischen Gestaltung. Sein Stil entwickelte sich in die Richtung des Realismus und Impressionismus. 1913 legte Max Brückner die Leitung des Ateliers in die Hände seines langjährigen Mitarbeiters Max Kürschner. Eine zunehmende Erblindung, die 1914 zum Verlust des Augenlichtes führte, zwang ihn zur Aufgabe des operativen Geschäftes. Am 2. Mai 1919 starb Max Brückner in Coburg.


Text: Volker Kern, Meininger Museen


Abbildungen


Max Brücker, 1885, Archiv Meininger Museen, Repro Manfred Koch

Werkstatt Gebrüder Brückner, Coburg: Bühnenbild „Bankettsaal“ aus dem 4. Akt zu „Die Piccolomini“, 2015 /16 in der Präsentation im Theatermuseum zu sehen. Foto Manfred Koch, Meininger Museen


 

 

 


 

Caspar von Zumbusch (1830 – 1915)

„Es ist mein schlichter Wunsch mit dem Werke, welches mir so ehrvoll anvertraut ist, mich der hohen Gunst würdig erweisen zu können.“ In den Briefen, die der Bildhauer Caspar von Zumbusch ab Januar 1901 abwechselnd an Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen und dessen dritte Gemahlin Helene Freifrau von Heldburg schrieb, finden sich immer wieder Zeilen wie diese. Sie zeugen von großer Dankbarkeit und untertäniger Ehrerbietung dem fürstlichen Auftraggeber gegenüber und drücken den Wunsch nach einem würdevollen Werkergebnis aus.

Unter den etwa 25 Künstler-Auftraggeber-Beziehungen, die die gegenwärtige Sonderausstellung der Meininger Museen „Georg II. und die bildende Kunst“ thematisiert, gehört das Zumbusch-Kapitel zu den späteren. Mit der Absicht, den Bildhauer für die Realisierung eines repräsentativen Denkmals für seinen Vater, Bernhard II. von Sachsen-Meiningen, zu gewinnen, suchte Georg II. im November 1900 erstmals zu Zumbusch Kontakt. Der Künstler, in jenen Tagen bereits siebzig geworden, galt als einer der bedeutendsten Schöpfer monumentaler Denkmalplastik. In Wien oder Bayern hatte er mit etlichen Glanzbeispielen sein großes Können auf diesem Schaffensgebiet demonstriert. Nach nicht ganz drei Jahren fand am 14. August 1903 mit der feierlichen Einweihung des Bernhard-Denkmals der künstlerische Großauftrag aus Meiningen seinen erfolgreichen Abschluss. Das leider 1949 von „Bilderstürmern“ zerstörte Denkmal zeigte in Bronze und Überlebensgröße Bernhard II. in der Uniform seiner letzten Regierungsjahre. Die Verfassungsurkunde vom 23. August 1829 in seiner Rechten war ebenso Ausdruck einer fortschrittlichen Regierung wie drei  bronzene Reliefs an dem noch existenten imposanten Steinpostament des Denkmals mit Darstellungen allegorischer Figuren der Landwirtschaft, Industrie und Justiz. Während seiner Arbeit an diesem Denkmal fertigte Zumbusch auch Porträtmedaillons des Herrscherpaares Georg und Helene. In der Grundform und Inschrift-Gestaltung nur leicht modifiziert wurden sie in Gips, Bronze und Marmor ausgeführt. Sie überliefern den Bildhauer auch als einen Meister im Porträtfach, der für die Ausarbeitung und Verfeinerung dieser Bildnisse nachweislich auch Einladungen der beiden Porträtierten nach Schloss Altenstein oder zur Villa Carlotta am Comer See nutzte.

Nachdem Porträtentwürfe aus dem Atelier des Münchner Bildhauers Adolf von Hildebrand das Missfallen des Herzogs ausgelöst hatten, bestimmte er schließlich sein durch Zumbusch geschaffenes Profilporträt als Vorlage zur Prägung von Silber- und Goldmünzen des Herzogtums Sachsen-Meiningen. Es ist genau das marmorne Exemplar jenes Porträtmedaillons mit dem beinahe antik anmutenden hoheitsvollen Konterfei Georgs II., das seit einigen Monaten als Generalmotiv für die oben erwähnte Sonderausstellung der Meininger Museen wirbt.  

 

Text: Winfried Wiegand, Meininger Museen

Abbildungen

Porträtmedaillons Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen und Helene Freifrau von Heldburg, Marmor, 1901/02, Foto: Manfred Koch, Meininger Museen

Denkmal für Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen, 1900-1903, Repro nach historischer Postkarte: Manfred Koch, Meininger Museen

      

 

 


 

Otto Lessing (1846 – 1912)

Künstlerischer Leitstern bei der Umsetzung seiner Denkmalsprojekte blieb für Herzog Georg II. bis zuletzt der Bildhauer Adolf Hildebrand (1847–1921), dessen klassizistische Formgebung am ehesten seiner Kunstauffassung entsprach. Das macht auch die Innenausstattung des 1909 eingeweihten, ursprünglich vorrangig für Schauspiel und Konzertdarbietungen entworfenen Neuen Hoftheaters deutlich. Inspiriert von der Büste Gotthold Ephraim Lessings, die als Stiftung von dessen Nachfahren den Anfang machte, stellte der Herzog über drei Jahre seinen Kanon der von ihm verehrten Komponisten und Textdichter zusammen: Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Wolfgang Amadeus Mozart, Heinrich von Kleist, Johann Sebastian Bach, Otto Ludwig und Franz Grillparzer. Nach der Eröffnung folgten 1910 William Shakespeare und 1913 Richard Wagner.

Zwar zeichnete, gemessen an der Anzahl der Kunstwerke, in der Hauptsache Otto Lessing (1846–1912) dafür verantwortlich. Doch bei genauer Betrachtung zwang der Herzog diesen im Verlauf der Arbeit zunehmend, künstlerisch “über seinen Schatten springen”. Denn als Vorlagen für die Büsten dienten im Falle von Brahms, Schiller und Ludwig direkt Werke Hildebrands; indirekt gilt dies auch für Grillparzer und Wagner. Die im Vestibül aufgestellten Büsten sind allesamt ein bemerkenswertes Plädoyer für Adolf von Hildebrand. Denn begrüßt werden die Besucher des Hauses seit der Eröffnung am 17. Dezember 1909 in der Eingangshalle von Otto Lessings Büsten im Stile Hildebrands. Zwar dürfte seither nahezu jeder Besucher den Eingang passiert haben, jedoch nicht zwingend das überwiegend von Büsten in Lessings Handschrift dominierte Foyer. Herzog Georg II. hielt damit auch bei der Innenausstattung des neuen Meininger Hoftheaters an dem favorisierten Künstler fest, ohne ihn nochmals dafür beauftragt zu haben.

Die stilistische Ausrichtung der Büsten spiegelt den Kunstgeschmack des Herzogs, dominiert von der Vorliebe für das Schauspiel und das Konzertwesen. Mit Schiller, Shakespeare, Grillparzer und Kleist präsentierte er die von seiner Schauspieltruppe auf ihren Gastspielreisen am häufigsten gespielten Textdichter, flankiert von den Geistesgrößen Goethe und Lessing sowie bereichert um den aus der Region stammenden Schriftsteller Otto Ludwig. Der Kreis der dargestellten Komponisten ist zwar zahlenmäßig kleiner als jener der Dramatiker, doch mit den Zeitgenossen Brahms und Wagner – neben Bach, Mozart und Beethoven – zugleich stärker mit der Lebenswirklichkeit des Regenten verbunden. Die einstigen Künstlerfreunde wurden so in den Rang von Klassikern erhoben.

 

Text: Dr. Maren Goltz, Meininger Museen


Abbildungen

Otto Lessing (1846–1912), Unbekannt, Sammlung Meininger Museen

Das Vestibül des Meininger Theaters – Lessings Büsten im Stile Hildebrands, Manfred Koch, Meininger Museen

 

 

 


 

Arthur Fitger (1840-1909)


Der Bremer Maler, Dichter und Kunstkritiker Arthur Fitger zählte zu den Künstlern, den eine lange und sehr vertrauensvolle freundschaftliche Beziehung mit Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen und dessen dritter Gemahlin Helene Freifrau von Heldburg verband. Das Wandbild mit der Darstellung des Hl. Georg (1899) am Kommandantenbau der Veste Heldburg und der Bühnenvorhang (1909) für das neue Herzogliche Hoftheater in Meiningen gelten als seine bekanntesten Werke auf dem Gebiet der bildenden Kunst, die er für das Meininger Fürstenpaar schuf.

Anfang Dezember 1895 wandte sich die Freifrau mit der Bitte um Rat an Fitger: Für die neu eingerichtete Ahnengalerie im Mittelgeschoss des Residenzschlosses Elisabethenburg in Meiningen wünschte sie eine Umgestaltung der Stirnseiten; der Künstler möge dabei die über viele Generationen tradierte Musik- und Theaterliebe und die Jagdleidenschaft der Meininger Herzöge im Blick haben. Die Bitte drängte angesichts des nahen Weihnachtsfestes, anlässlich dessen die Freifrau dem Herzog etwas Betreffendes für die Nordseite präsentieren wollte.

Der Künstler schlug die Darstellung des Thespiskarrens vor, benannt nach dem griechischen Tragödiendichter, Theaterleiter und Schauspieler Thespis, der im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt lebte und mit einem Wagen umherzog, der ihm als Wanderbühne diente. Pünktlich zum Fest traf die Skizze ein, das hohe Paar war begeistert. Wenige Zeit später beschloss man, auch einen „Jagdzug“ malen zu lassen, platziert als Gegenstück auf der südlichen Stirnseite dieser mittleren Galerie. Unter Berücksichtigung diverser Änderungswünsche des Herzogs führte Fitger diese beiden großformatigen Gemälde aus, im Herbst 1896 waren sie vollendet.

In einem der in großer Zahl erhaltenen und im Thüringischen Staatsarchiv Meiningen aufbewahrten Briefe des Künstlers an die Freifrau beschreibt Fitger die Szene: „Von einem historischen Thespis weiß man Nichts; jedenfalls hat er in seiner Truppe keine Solisten sondern nur einen Chor gehabt. Da habe ich es natürlich gleich von Anachronismen wimmeln lassen: zwei tragische, zwei komische Solisten, letztere sogar ganz modern Kränze und Geld sammelnd. Der Furienchor wird dazu beitragen die beiden Hauptfiguren als Orest und Iphigenie zu kennzeichnen; […] Dem Thespis selbst möchte ich gern Charakter eines Weisen, eines Propheten geben“.

So, wie der Bildgegenstand klar Bezug auf die legendären Gastspielreisen des Schauspielensembles des Meininger Hoftheaters nimmt, verkörpert – wenngleich ein schriftlicher Beleg dafür bisher nicht bekannt ist – die dem Zug voranschreitende Gestalt unzweifelhaft den „Theaterherzog“.

 

Text: Dr. Bertram Lucke, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Porträt Arthur Fitger, um 1898, Fotograph unbekannt, Archiv Wolfgang Türk, Münster

Der “Thespiskarren”, ein im Jahr 1896 entstandenes Gemälde von Arthur Fitger im Eigentum der Meininger Museen, Schloss Elisabethenburg, Foto Manfred Koch, Meininger Museen

 

 

 


 

Franz von Lenbach (1836–1904)

Als Münchener Malerfürst war Franz von Lenbach zu seiner Zeit weithin bekannt. Aus einem einfachen, mit 17 Geschwistern reich gesegneten Haushalt eines Maurermeisters stammend, wurde er zunächst Maurergeselle im väterlichen Betrieb, bildete aber bald sein vorhandenes malerisches und zeichnerisches Talent mit Hilfe von diversen Kursen u. a. an der Akademie der Bildenden Künste München, aber auch autodidaktisch und in Zusammenarbeit mit Malerfreunden aus. Anfangs nicht auf bestimmte Motive festgelegt – so gibt es auch wunderbare Landschaften von Lenbach – konzentrierte er sich zunehmend auf die Porträtmalerei. Er erarbeitete sich in diesem Fach seinen weitreichenden Ruf, indem er sich nicht auf nur die exakte und bloße Wiedergabe von Personen konzentrierte, sondern vielmehr das Charakteristische des Dargestellten herauszuarbeiten und diesen taktvoll zu adeln versuchte. In diese besonders intensive Schaffenszeit des Künstlers fiel auch der Kontakt mit dem Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen. 1878 weilte Lenbach zu Besuch auf der Veste Heldburg und erhielt dort mehrere Porträtaufträge. Daraus entwickelte sich über Jahre hinweg ein intensiver und freundschaftlicher Briefwechsel (1879–1892), der dann bald nach Abschluss der Aufträge sein Ende fand. Erst in seinem Brief vom 28. Dezember 1888 stellte Lenbach die für ihn verhältnismäßig bescheidene Preisforderung von 6.000 Mark „… für alle die ich versucht habe (u. alle die misslungen sind) u. für alle die Sie noch bekom(m)en werden …“. Georg hatte zwei Tage zuvor drei Ölgemälde akzeptiert und ließ daher großzügig 15.000 Mark überweisen. Eines dieser von ihm akzeptierten Gemälde hängt bis dato in seinem privaten Wohnzimmer im Schloss Elisabethenburg bzw. in der gegenwärtigen Sonderausstellung. Bekannt sind aber acht Porträts des Herzogs von Lenbach, was in erster Linie mit der Arbeitsweise des Künstlers zusammenhängt. Lenbach legte zunächst Pastell- bzw. Ölskizzen auf Karton oder Presspappe an, schickte diese dem Herzog und bat um dessen Urteil. Er überarbeitete daher seine Bilder auch selbstkritisch immer wieder.

Auf der Heldburg hatte sich Georg offenbar auch ein Porträt von seiner fünf Jahre zuvor angetrauten bürgerlichen Gemahlin Helene gewünscht. Vier Versionen sind von der Hand des Münchener Malers bekannt, von denen sich leider kein einziges im Bestand der einstigen sachsen-meiningischen Residenz erhalten hat. Da gegenwärtig keine Zugangsmöglichkeit zu der Lenbach-Korrespondenz in Privatbesitz besteht, konnte nicht eruiert werden, welches Gemälde von Georg und Helene abschließend akzeptiert wurde. Das hier abgebildete Pastell, welches dereinst die Freifrau von Heldburg ihrem Patenkind, Brigitte von Hase, schenkte, wurde offenbar im 2. Weltkrieg zerstört.

 

Text: Andrea Jakob, Meininger Museen

 

Abbildungen

Franz Seraph von Lenbach: Georg II. von Sachsen-Meiningen, Kniestück im Linksprofil, 1888, Mischtechnik/Leinwand, Meininger Museen, Foto Manfred Koch, Meininger Museen


Franz Seraph von Lenbach: Helene, Freifrau von Heldburg, 1879, Foto des Pastells in „Helene, Freifrau von Heldburg. Fünfzig Jahre Glück und Leid“, ein Leben in Briefen aus den Jahren 1873 – 1923. Hg. Johannes Werner. Leipzig 1926, vor S. 81.

 

  

 


 

Adolf von Hildebrand (1847-1921)

Von den zahlreichen Künstlerkontakten, die Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen pflegte, hebt sich jener mit dem Bildhauer Adolf von Hildebrand (1847-1921) besonders heraus, zählt er doch zu den besten Beispielen eines äußerst schöpferischen und ertragreichen Mäzenantentums. Das gleich mehrere Jahrzehnte währende Verhältnis zwischen Regent und Bildhauer nahm über einen regen geistigen und künstlerischen Austausch hinaus auch Züge einer herzlichen Freundschaft an, die nicht selten ganz familiäre Gegebenheiten berührte. So war die dritte Frau des Meininger Herzogs, Helene Freifrau von Heldburg, nicht nur gleichberechtigtes und komplett integriertes Mitglied dieser intellektuellen Beziehung, sondern beispielsweise auch Patin des jüngsten Hildebrand-Sohnes Dietrich. In seiner Korrespondenz setzte der Künstler das fürstliche Paar immer wieder mit liebenswürdigen und interessierten Gastgebern gleich. Deren ausgeprägtes Verständnis für die Kunst deutete er im November 1891 in einem von Schloss Altenstein an seine Frau geschriebenen Brief mit der Bemerkung an: „…Ich wollt solche Leute hätten Millionen, dann könnte man sich ausleben…“ In gewisser Weise ist es auch dazu gekommen. Von den zahlreichen Denk- und Grabmälern, Porträts, Brunnen oder Einzelfiguren, die der Herzog dem Bildhauer entweder direkt oder als Vermittler antrug, sei das Johannes-Brahms-Denkmal von 1898/99 im Englischen Garten von Meiningen herausgestrichen, die erste öffentliche Memorialstätte für den genialen Musiker überhaupt. Mit einer bronzenen Porträtbüste Georgs II. eröffnete Hildebrand den beachtlichen Werkkomplex für das Meininger Herzoghaus. Brieflichen Anmerkungen des Künstlers über erste Sitzungen für die Plastik – so im Juli und August 1891 in Starnberg – ist zu entnehmen, dass zunächst eine Marmor-Version geplant war. Etwas später, im November, saß Georg auf Schloss Altenstein abermals für die Büste Modell. Als Ergebnis mehrerer Vorstudien in Gips und Wachs wurde sie schließlich 1892 in Pistoia (Toskana) in Bronze gegossen.

Großartig in der bildnerischen Umsetzung wird der berühmte fürstliche Theaterreformer als erhabener und geistvoller Patriarch gezeigt. Auf mächtigen Schultern, die ein pelzverbrämter Mantel umhüllt, thront ein Haupt von einprägsamer, hoheitsvoller Wirkung, in dem ein inneres Kraftfeld zu pulsieren scheint. In kühner Konstruktion – zu einem Grat ist die Verbindungsstelle reduziert – hat der Bildhauer das plastische Porträt auf einem Unterbau platziert. Dort finden sich unter dem Namenszug GEORG II zwei Tritonen mit Füllhörnern, die einen viergeteilten bekrönten Schild flankieren. Insbesondere die fließende Bewegung des langen Bartes und die lebhafte Struktur des Pelzkragens sprechen für eine Feinausprägung und Individualisierung des Porträts von höchster Meisterschaft. Die überlebensgroße Figur eines Genius mit Lyra, die das Grabmal Georgs II. auf dem Meininger Parkfriedhof schmückt, geht im Entwurf ebenfalls auf Hildebrand zurück. Sie wirkt bis heute wie ein Sinnbild für einen Künstlerkontakt, der in Meiningen und dem umgebenden Herzogtum gleich mehrere hervorragende plastische Werke Adolf von Hildebrands hervor brachte.   


Text: Winfried Wiegand, Meininger Museen


Abbildungen

Porträtbüste Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen, 1891/92, Bronze, Meininger Museen, Foto: Manfred Koch, Meininger Museen


Denkmal für den Musiker Johannes Brahms, 1898/99, Kalkstein, Bronze, Englischer Garten Meiningen, Foto: Manfred Koch, Meininger Museen

 

 

 


 

Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen (1859 - 1941) …,

… der erstgeborene Sohn aus der zweiten Ehe Herzog Georgs II., hatte das künstlerische Talent vom Vater geerbt. Nach Jura-Studium in Bonn, Leipzig und Straßburg sowie militärischer Ausbildung in Potsdam rang er seinem Vater die Zustimmung ab, seinen weiteren Lebensweg - ausgestattet mit fürstlicher Apanage - als freier Künstler beschreiten zu dürfen. Es folgte eine Ausbildung zum Maler in den Ateliers von Andreas Müller, F. A. Kaulbach und in Freundschaft zu Lenbach in München. Auf einer Rom-Reise verlobte er sich 1892 mit der erst 18jährigen Katharina, der Tochter des Schriftstellers Wilhelm Jensen, entgegen den Plänen des Herzogs, seinen Sohn standesgemäß zu verheiraten. Immerhin war Ernst nicht nur sein Lieblingssohn, sondern auch der zweite in Erbfolge, die es zu sichern galt. Dem erbprinzlichen Paar war es nicht gelungen, einen männlichen Nachfolger zu zeugen. Schließlich willigte Georg II. doch in die morganatische Ehe ein, auch weil Ernsts jüngerer Bruder Friedrich gerade einen Thronfolger nachweisen konnte.    

Unzufrieden mit den bisherigen künstlerischen Leistungen empfahl Georg II. den Malersohn  in die Gefolgschaft von A. v. Hildebrand nach Florenz, später wiederum in München. Im Auftrage Georgs II. schuf Ernst die beiden große Wandbilder mit mythologischen Szenen für die Villa Carlotta am Comer See. Sein hauptsächliches Betätigungsfeld waren jedoch Porträts, vor allem von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten. Herausragend sind die Bildnisse des alternden Herzogs, die nicht nur im Familienkreis verblieben, sondern auch repräsentativen, öffentlichen Zwecken dienten. Das wohl eindrucksvollste entstand 1902 und wurde ein Jahr später im Münchner Glaspalast präsentiert. In Meiningen war es als Fotografie zu erwerben. Ernst malte den greisen Herzog im Pelzmantel im Lehnstuhl sitzend, Gesicht und Hände entsprechend Münchener akademischer Manier jener Jahre hervorgehoben. Es entstand nicht nur schlechthin das Abbild eines gestrengen Souveräns. Auch der Maler-Prinz hatte jenen durchdringenden Blick wohl oft erlebt, wenn seine Leistungen dem Vater nicht genügten. Bei der Ausführung seiner Bilder quälte sich Ernst sehr, bis er ein für sich zufriedenstellendes Ergebnis zustande brachte.

Während des 1. Weltkrieges, als er als Oberst mit seinen Truppen an vorderster Front kämpfte, schaltete er sein Künstlertum völlig aus. Nach der Novemberrevolution  verdingte er sich  als Zeichenlehrer in Haubinda und begann wieder zu malen, auch Bildnisse seines 1914 verstorbenen Vaters, die zuweilen auf Ausstellungen der Meininger Künstlerschaft zu sehen waren.  Anlässlich der Feiern zum 100. Geburtstag des Herzog übereignete Ernst dem Meininger Theater das ganzfigurige Bildnis, das das Foyer ziert.


Text: Rolf-Dieter Meißner, Meiningen

Abbildungen


Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen, Porträtfoto mit Unterschrift, München (privat)

Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen, Porträt des Vaters Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen, Öl auf Leinwand, 1902, Meininger Museen, Foto Manfred Koch, Meininger Museen

 

  

 


 

Eugenie Stötzer (1860 – 1941)

Porträtmalerei als Seelenausdruckskunst? Wiederholt gestand Herzog Georg II., dass er beim Anblick jener Bildnisse, die Eugenie Stötzer von seiner Gemahlin Helene geschaffen hatte, bis zu Tränen gerührt gewesen sei. Denn die mit dem Meininger Fürstenpaar eng befreundete Malerin verstand es auf ihre Weise, vor allem mittels ihrer Pastellporträts jene verständnisvolle Intimität  herzustellen, die man sich bei Abbildungen von lieben Menschen wünscht. Auch an einer Harmonisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen war ihr sehr viel gelegen.

Dabei ist das Leben der Frau alles andere als konfliktfrei verlaufen. Als Tochter eines Kaufmanns war sie 1860 in Straßburg zur Welt gekommen. Ihr Onkel fungierte als Bürgermeister der Stadt, als diese im Krieg von 1870/71 wochenlang von den preußischen Truppen bombardiert wurde, ihr Bruder Albert Carré ist Direktor der Pariser Opéra Comique gewesen – allesamt französische Patrioten der extremeren Art. Doch ausgerechnet in den 1842 zu Römhild geborenen und später zum  kommandierenden General des XVI. Armeekorps in Metz ernannten Louis Stötzer hatte sich die Elsässerin sterblich verliebt. 1885 haben die beiden geheiratet. Von 1891 bis 1894 kommandierte Stötzer das Meininger Infanterie-Regiment, das ungleiche Paar wohnte am Meininger Weidig. Der Monarch und der Berufssoldat – beide fachkundige Militärstrategen und leidenschaftliche Jäger – freundeten sich an. Die ehemalige Schauspielerin Helene ist von der Bildkünstlerin regelrecht angehimmelt worden. Auch nach dem Wegzug der Stötzers rissen die Kontakte zwischen den Ehepaaren nicht ab. Man schrieb und besuchte sich häufig. Schon bald sind es jene Porträts gewesen, die Eugenie Stötzer vom Herzog und seiner Gemahlin anfertigte, die einen wichtigen Inhalt dieser Begegnungen bildeten. 

In Straßburg, Paris, München und Berlin zur Malerin ausgebildet, hat die Stötzer sich in hohem Maße an den Alten Meistern (Renaissance, van Dyck) orientiert und zugleich ihre eigene Stilistik ausgebildet. Die Augen, der Blick des Porträtierten standen im geistigen Zentrum ihrer Öl- und Pastellgemälde. Jene Bildnisse, die sie von Georg II. geschaffen hat, haben den Fürsten nicht als Repräsentanten von Macht, sondern als Landesvater, als Jäger usw. dargestellt, gewissermaßen emotional in die Nähe der Bildbetrachter gerückt. Die Helene- Porträt atmen zumeist eine zarte Nachdenklichkeit.

Eugenie Stötzers wichtigste Klientel – neben Georg und seiner Frau -  sind Wilhelm II. und seine Familie, die Weimarer Fürstlichkeiten, die Mitglieder des Großen Generalstabes sowie Künstlerfreunde gewesen. Bemerkenswert erscheint der Umstand, dass es ihr gelungen ist, sogar den protzigen Kaiser im Rundformat, das Gesicht durch einen Pelzkragen weich erscheinen lassend, als einen liebenswerten Menschen darzustellen. Dieser Seelenausdruckskunst wegen, waren die Bildnisse der Stötzer gefragt. 1906 verstarb Louis Stötzer. Zwischen 1918 und 1923 lebte die Malerin als Helenes engste Freundin in Meiningens Unterer Kuhtrift 1, nach deren Tode vor allem in Baden-Baden, wo sie 1941 verstorben ist. Der General und die Malerin haben auf dem Meininger Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden.  

 

Text: Prof. Dr. Alfred Erck, Meiningen


Abbildung

Eugenie Stötzer, Helene Freifrau von Heldburg, Pastell um 1906, Foto Manfred Koch, Meininger Museen

 

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