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26. Februar 2017, Sonntag, bis 14. Januar 2018, Sonntag
Heinrich von Kleist: Prinz von Homburg

Eine Musterinszenierung des Meininger Hoftheaters von 1878, Präsentation des Bühnenbildes „Schlacht bei Fehrbellin“
 

Mit der Präsentation des Bühnenbildes betritt das Theatermuseum „Zauberwelt der Kulisse“ absolutes Neuland. Die beeindruckende Landschaftsdekoration, bestehend aus drei Kulissenbögen und einem Prospekt, vereint erstmals die bewährte Tradition der Brückner’schen Bühnenwerkstatt  in  Coburg,  repräsentiert  durch die Kulissenbögen, mit aktuell-zeitgenössischer Handwerkskunst aus dem Malsaal des Meininger Theaters, repräsentiert durch den Prospekt. Dieser wurde im Sommer 2016 auf Grundlage einer Arrangementskizze Georgs II. für die aktuelle Präsentation angefertigt. Die Anfertigung wurde zwingend notwendig, da der originale Prospekt nicht mehr vorhanden war. Ein dem Gesamtbühnenbild adäquates Szenenlichtprogramm, unterlegt mit akustischen Eindrücken des Kampfes der Preußen gegen die Schweden, rundet diese bisher in Deutschland einmalige Präsentation ab. Begleitet wird die Vorstellung des Bühnenbildes durch einen Ausstellungskatalog.

 

 

Gemalt hat der Meininger Theatermaler Edmond Garn die dreizehn Meter lange und sieben Meter hohe Leinwand in nur acht Tagen. Das Aufwendigste waren die Intarsienarbeiten, um die lichttechnischen Effekte zu ermöglichen.

 

Gedanken aus dem Einführungsvortrag zur Erstpräsentation des Bühnenbildes am 25. Februar 2017

von Florian Beck (Meininger Museen, Julius-Maximilians Universität Würzburg)

Aus einem am 13. Oktober 1889 stattgefunden Gespräch ist uns folgende Aussage überliefert:


„Ja, Sie haben recht; und solche [realistisch geschilderten] Stoffe wirken stark. Wie wäre es sonst möglich, dass ein so schwächliches Stück wie das von Kleist, der Prinz von Homburg, so wirken könnte? Nur weil es den Großen Kurfürsten behandelt, wirkt es. Denn dieser Prinz ist doch ein schwaches Rohr mit seiner Todesfurcht. Ich bin ja ein Laie in diesen Dingen und werde mich hüten, meine Ansicht öffentlich auszusprechen, aber ich finde seine Lustspiele besser […]


Otto von Bismarck, damals noch für wenige Monate Reichskanzler


Von jemanden, der es gewohnt war seine Ansichten öffentlich auszusprechen stammt das folgende Zitat:
„Schade, Jammerschade, daß man bei den zeitraubenden Herbeischaffen der Gobelins, Quasten, Litzen, Petschafte, Waffenröcke und Harnische  - Schade, sage ich, daß bei der Beschäftigung mit diesem bunten Jahrmarkt von Althertümern, der auf der Meininger Bühne ausgepackt wird, keine Muße mehr übrig blieb, um sich auch noch ein ganz klein Wenig mit dem Verständnis des Dichters zu befassen. Ebenso verfehlt und voller Mißverständnisse war die Darstellung des Prinzen durch Herrn Kainz, der überall den Anfänger erkennen ließ, - in Sprache, Geberden [!] und Auffassung. Bis zur Unerträglichkeit hat er die Rolle verweichlicht und versüßlicht und aus jedem Vers ein Syrupbonbon [!] gemacht, den er langsam auf der Zunge abschmatzte.“


Oscar Blumenthal, von 1875 bis 1887 Feuilletonchef des Berliner Tageblatts, in dieser Funktion ein scharfer Kritiker des Meininger Hoftheaters, Spitzname: der blutige Oscar/der Blutoscar.


Sowohl das Stück als auch seine Darstellung auf der Bühne fanden mitunter keinen guten Anklang im privaten, wie auch im öffentlichen Raum.


Der Prinz von Homburg war nie ein Zugstück des Meininger Hoftheaters, mit 38 Wiederholungen ist es das am wenigsten gespielte Drama Kleists auf dieser Bühne (bezogen auf die Gastspielreisezeit 1874-1890); zum Vergleich: Die Hermannsschlacht wurde 101 Mal gegeben, Das Käthchen von Heilbronn 83 Mal.

Untrennbar mit der Aufführung des Homburg ist der Name Josef Kainz verbunden. Kainz erste Rolle unter den Augen des Herzogs war die des Ferdinand in Schillers „Kabale und Liebe“. Diese jedoch keineswegs in Meiningen, sondern im Komödienhaus der Sommerresidenz  Bad Liebenstein (26. August 1877). Daraufhin wurde er mit einem dreijährigen Vertrag ausgestattet und er durfte sich nun sachsen-meiningen'scher Hofschauspieler nennen, wie er seinen Eltern voller Stolz brieflich mitteilte. Weitere Rollen waren u.a. Florizel in Shakespeares Wintermärchen, Kosinsky in den Räubern, sowie Melchtal in Wilhelm Tell.

Die prägendste Rolle, sowohl für ihn als auch für das hiesige Theater, war jedoch die Titelrolle im Prinz von Homburg. Kainz spielte sie erstmals vor dem Meininger Publikum am 28. März 1878. Das Debüt während der Gastspiele war am 11. Mai gleichen Jahres im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater in Berlin, am heutigen Deutschen Theater. Bis zu seinem Weggang 1880 war Kainz der Homburg-Darsteller bei den Meiningern.


Für das Berlin-Gastspiel wurde, wie es bereits gute Tradition war, immens viel geprobt, eventuell sogar noch intensiver als sonst - mit anderen Worten: der Homburg musste für Berlin sitzen! Das komplette Unternehmen stieg und fiel mit der Personalie Josef Kainz, als Back-up wurde der Schauspieler Emmerich Robert verpflichtet, er sollte mit Kainz alternierend die Titelrolle übernehmen. Allerdings stand Kainz am Ende doch häufiger auf der Bühne als sein Konkurrent Robert.

 

 

Wenn bis zu den Meininger Inszenierungen der Prinz von Homburg überhaupt aufgeführt wurde, so wurden die „heiklen“ Szenen einfach gestrichen. Grundtenor solcher Inszenierungen war dann das Hohelied auf das brandenburgische Militär und den großen Kurfürsten. Da passte es wenig, dass der Titelheld des Stückes am Beginn zum einen schlafwandelnd-entrückt auftritt und zum anderen die Befehle seines Feldmarschalls aufgrund der Träumereien nicht notiert. Es passt allerdings noch viel weniger, dass der General der gesamten brandenburgischen Reiterei Angst vor seinem Tode hat. Diese beiden Szenen, die Schlafwandlerszene und die Todesfurchtszene, wurden bis zu den Meininger Inszenierungen immer gestrichen.

Und nun in Meiningen und dann auch auf den Gastspielreisen passiert etwas, und damit sind, wie wir aus den Eingangszitaten gehört haben, die Kritiker (ein Teil davon) nicht einverstanden. Aber viel wichtiger: der Homburg wird nun wie von Kleist gefordert dargestellt - eben nicht als pflichtschuldiger Militär, sondern als jugendlicher Schwärmer und Träumer. Kleist fordert dies in seinem Text ein und die Meininger lösen es ein. Die beinahe pathologische Entrücktheit wird durch die Inszenierung des Meininger Hoftheaters und Josef Kainz erstmals in ihrer ganzen Tragweite dargeboten. Die seelische Verfasstheit des jungen Homburg wird in ihrer kompletten, vermeintlich vermeidbaren Abgründigkeit auf die Bühne gebracht, diese Betonung des Psychischen, die Darstellung von Verzweiflung, von Verletzlichkeit, von, um es mit Nietzsche zu sagen „menschlichem allzu menschlichem“ der Feigheit vor dem Tod.


Darin liegt das große Verdienst der Meininger Inszenierung. Die „unpreußischen“ Tugenden wurden einem Publikum und einer Kritik präsentiert, die dafür (noch) nicht bereit waren. Erschwerend kam noch ein Attentatsversuch auf Wilhelm I. am Premierentag (11. Mai) in Berlin hinzu. Das Publikum erwartete ein patriotisches Spektakel - die Meininger erfüllten diesen Wunsch mitnichten. Das moderne Potential welches in Kleists letztem Stück schlummert, und das die Meininger wieder zu Tage gefördert haben, wurde damals (noch) nicht erkannt.


Eine Theatermacher- und Rezensentengeneration später war das Bild ein völlig anderes geworden: heute bekannte Regisseure wie Otto Brahm, Andre Antoine, Konstantin Stanislawski und nicht zuletzt der große  Max Reinhardt erkannten das Potential dieses protonaturalistischen-meininger Stiles, der sich eben genau durch eine Betonung der seelischen Verfasstheit der Figur auszeichnet. Die Genannten rezipierten diesen Spielstil dementsprechend und erweiterten ihn.

Die Inszenierung Prinz von Homburg durch das Meininger Hoftheater lässt sich als wunderbare Blaupause verwenden, wenn der Frage nach Modernität auf dem Theater am Ende des 19. Jh. nachgegangen werden soll. Kleist wie auch die Meininger waren ihrer jeweiligen Zeit voraus, nichts anderes als das „Ihrer-Zeit-Voraussein“ manifestiert sich in den Aussagen Bismarcks und Oscar Blumenthals.

 

 

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