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20. Februar 2011 bis 15. Januar 2012

Malerischer Sinn und historische Wirklichkeit
Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn

Präsentation des historischen Bühnenbildes „Festlicher Schlossplatz" (genannt Turnierszene) von 1876

Am 21. November 2011 gedachte die Theaterwelt des 200sten Todestages Heinrich von Kleists, eines der größten Dramatikergenies im deutschsprachigen Raum. Zwar gehört Meiningen nicht zu den eigentlichen biographischen Stätten der Kleistschen Existenz, – geographisch am nächsten kam er unserer Stadt bei seinem Besuch 1803 auf dem Wielandschen Gut in Ossmannstedt bei Weimar – geht es jedoch um die Rezeption seines dichterischen Werkes, um die mustergültige Inszenierung seiner Dramen, ist Meiningen eine der ersten Adressen in Deutschland. In kurzer Folge brachte das Meininger Hoftheater unter der künstlerischen Leitung Herzog Georgs II. von Sachsen-Meiningen drei seiner Stücke heraus und präsentierte sie während der legendären Gastspielreisen dem deutschen und europäischen Publikum: 1875 „Die Hermannsschlacht“, 1876 „Das Käthchen von Heilbronn“ und schließlich 1878 „Prinz Friedrich von Homburg“. Alle drei Aufführungen setzten neue Maßstäbe im Umgang mit dem Text, bei der Interpretation einzelner Rollen, bei der Ausstattung und Regieführung, bis hin zum Einsatz von Bühneneffekten, die gelegentlich als etwas übertrieben empfunden wurden.

 

Auftakt zur Kleist-Ehrung in Meiningen war am 19. Februar mit der Erst-Präsentation eines weiteren historischen Bühnenbildes zum „Käthchen von Heilbronn“, der sogenannten „Turnierszene“, das nach aufwendiger Restaurierung im frischen Glanz erstrahlt. Gemalt wurde es nach Entwürfen des Theaterherzogs in der Theatermalwerkstatt der Gebrüder Brückner in Coburg. Nach intensiver Probenarbeit ging das Stück erstmals beim dritten Berliner Gastspiel der „Meininger“ 1876 in Szene. Einschließlich der letzten Gastspielaufführung 1886 am Mainzer Stadttheater wurde das Stück 83 mal gespielt. Es gehörte damit zu den erfolgreichsten Klassiker-Inszenierungen des Meininger Hoftheaters.

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 „...Geht hin, seht und staunt!“
Kleists  „Käthchen von Heilbronn“ am Meininger Hoftheater

Nach über einem halben Jahrhundert fürstlichen und bürgerlichen Dilettierens in den verschiedenen Laienspieltruppen, die im Riesensaal des Schlosses Elisabethenburg, gelegentlich wohl auch in Lokalen der Stadt ihre Spielstätten hatten, bekam die damals 6000 Einwohner zählende Residenz Meiningen 1831 ein festes Theatergebäude, das 760 Zuschauern Platz bot. Am 17. Dezember wurde es mit der Oper „Fra Diavolo“ von D. F. E. Auber, gespielt von der Bethmannschen Truppe, eröffnet. Ein festes En-semble errichtete man vorerst nicht. Das Hoftheater wurde saisonweise an Schauspielergesellschaften vergeben, die auf eigene Rechnung spielten, lediglich unterstützt durch einen monatlichen Zuschuss des Herzogs in Höhe von 250 Gulden. Das reichte jedoch häufig nicht aus, um einen geregelten Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Bittschriften der Prinzipale um zusätzliche Hilfe waren an der Tagesordnung und wurden auch regelmäßig gewährt, oft in Form von Sachleistungen (Licht, Heizung usw.). Die Saison erstreckte sich von Mitte November bis Mitte April; gespielt wurde an drei Tagen in der Woche. Herzog Bernhard II. verlangte einen ausgewogenen Spielplan; die Inszenierungen sollten mit Fleiß und Sorgfalt gearbeitet sein. Das Repertoire richtete sich zum einen nach den Möglichkeiten der gerade engagierten Truppe, zum anderen war es bestimmt durch den keineswegs allseitig ausgeprägten Geschmack des Landesherrn. So gab es durchaus anspruchsvolle Musiktheateraufführungen. Das Schauspiel be-stimmten jedoch belanglose Stücke, die als Dutzendware den deutschen Dramenmarkt überfluteten.

Es ist Kleist’s tragischer Existenz als Mensch und Dichter, worauf nicht näher eingegangen werden soll, zuzuschreiben, dass auch sein „Käthchen von Heilbronn“ zu dieser Dutzendware gerechnet wurde, obwohl es durchaus die Gunst des Publikums erlangen konnte. Es stellt sich dann allerdings die Frage, „ob wirklich immer das Kleistsche Stück gegeben wurde oder nicht vielleicht doch ein Ifflandsches Rührdrama“, ein für jeden Ge-schmack zurechtgemachtes „Volksstück“, unabhängig von der gerade ge-spielten Bühnenfassung.

Das mag auch in Meiningen so gewesen sein. Im ersten Vierteljahrhundert des Bestehens des Hoftheaters wurde das „Käthchen“ in acht Spielzeiten gegeben und erlebte jeweils nur eine einzige Vorstellung. Die Meininger Erstaufführung des Stückes fand am 11. Februar 1833 statt, in der Darstellung der Truppe des Herrn Bethmann. Eine Gesellschaft gleichen Namens, diesmal aber unter der Prinzipalin Ernestine Bethmann, inszenierte das Stück sechs Jahre später. Weitere Gesellschaften, die das Ritterdrama auf den Spielplan setzten waren die unter der Direktion von Otto Stotz, Ferdinand Röder, Anton Bömly (3x) und des legendären Karl Graf von Hahn-Neuhaus. Gespielt wurde immer die Bearbeitung von Franz Holbein: „Großes romantisches Ritterschauspiel in 5 Akten nebst einem Vorspiel in einem Akt, genannt: Das heimliche Gericht“. Mit einer Ausnahme sind auf allen Theaterzetteln namentlich 16 Rollen benannt: Kaiser, Flühe, Helene, Wetter vom Strahl, Flammberg, Gottschalk, Brigitte, Kunigunde, Rosalie, Rheingraf, Waldstätten, Theobald Friedeborn, Käthchen, Pech, Köhler, Köhlerjunge. Lediglich auf dem Zettel der Spielzeit 1836/37 taucht zusätz-lich ein nicht näher bezeichneter „Ritter des Kaisers“ auf.

Herausragende Leistungen sind bei diesen Vorstellungen wohl nie zustan-de gekommen. Was der Kritiker über die Aufführung in der Spielzeit 1849/50 schrieb, in der ein Herr Stölzel als Gast vom Hoftheater Wiesbaden die männliche Hauptrolle verkörperte, mag stellvertretend für alle acht Aufführungen gelten: „Die Titelrolle befand sich in den Händen der Fräul. Fabricius, Hr. Stölzel gab den Grafen Wetter von Strahl. Erstere erblickt man ungleich lieber in den sie so natürlich kleidenden naiven Rollen, den Gast weit lieber als Bonvivant, obgleich damit ihr Spiel keineswegs getadelt werden soll. Die Traumszene im 4. Act war beiderseits sehr ge-lungen zu nennen. Theobald Friedborn (Hr. Dieske), war sehr brav, die Rolle des Gottschalk (Hr. Weidt), erschien uns gänzlich falsch aufgefasst, indem der Darsteller aus dem alten, biedern Knappen einen Caspar Larifari zu machen beliebte. Kunigunde von Thurneck (Fräul. Anschütz) ließ uns sehr fühlen, dass diese Rolle eine der undankbarsten ist. Die übrigen Rol-len sind meist unbedeutend, wenn man nicht die des Rheingrafen von Stein (Hr. Wolters) ausnehmen will, bei dem man den Ausdruck deutscher Biederkeit, eben so sehr, wie den ritterlichen Anstand namentlich in der Schlussszene vermissen musste. Im Ganzen konnte man nicht mit der Vorstellung zufrieden sein, indem Arrangement und Szenerie außerordentlich viel zu wünschen übrig ließ“.

Ende der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts begann man in Meiningen, ein festes Ensemble für das Hoftheater aufzubauen. Über die beinahe 30 Jahre andauernde Bespielung des Hoftheaters durch wandernde Schau-spielergesellschaften berichtete R. Bechstein, ein Sohn des berühmten Märchendichters L. Bechstein: „Die alte gute Tradition, daß das einzelne Mitglied sowohl im Schauspiel wie in der Oper verwendet werden konnte, schwand immer mehr... Auch die Wandertruppen mussten die Rollentheilung empfinden, denn sie bedurften nun eines zahlreicheren Personals. Wenn in Meiningen auch einzelne Kräfte noch recht tüchtig waren und auch das Zusammenspiel im Ganzen genügte, so waren doch die Gesamt-leistungen gegen früher in den letzten Jahren augenscheinlich zurückgegangen. Diese Wahrnehmung, verbunden mit den wachsenden finanziellen Anforderungen, ließen den Gedanken reifen, ob es nicht gerathener sei, mit dem Principal-Regime zu brechen, eine Truppe selbständig zu engagiren und sie der Leitung einer bewährten Persönlichkeit zu unterstellen, mit anderen Worten: aus dem nominellen Hoftheater ein wirkliches zu schaf-fen“. Dieser Schritt wurde 1858 in die Wege geleitet. Herzog Bernhard II. betrieb fortan das Theater auf eigene Rechnung, setzte einen ihm verantwortlichen Intendanten ein und bestellte einen Oberregisseur als künstleri-schen Leiter des Theaters. Als erster Oberregisseur wirkte ein gewisser August Haake, ab 1864 konnte Intendant v. Stein den bühnenerfahrenen C. Grabowsky für diese Funktion gewinnen. Aber erst mit dem Amtsantritt des neuen Intendanten F.v. Bodenstedt zum Spielzeitbeginn 1867, der vom nunmehr regierenden Herzog Georg II. Nach Meiningen verpflichtet worden war, begann die tatsächliche Ausformung eines leistungsfähigen Ensembles.

Für das Schicksal des „Käthchens“ an der Meininger Bühne blieben diese Veränderungen zunächst ohne Auswirkungen. In den Jahren 1858 bis 1869 gab es in sechs Spielzeiten weitere sechs Aufführungen, denen ebenfalls die Holbeinschen Bearbeitung zugrunde lag. Allerdings schien sich nach dem Regierungsantritte Herzog Georgs II. und der damit einherge-henden nominellen und faktischen Übernahme der künstlerischen Leitung des Hoftheaters durch den Landesherrn, allmählich ein Bewusstsein über die Unzulänglichkeiten in der bisher geübten Bühnenpraxis der „Käthchen“-Aufführungen durchzusetzen. Zur Vorstellung am 8. März 1868, in der Ellen Franz, als dritte Gemahlin Herzog Georgs II. unter dem Namen Helene Freifrau von Heldburg berühmt geworden, die Hauptrolle verkörperte,  notierte der damalige Intendant Friedrich v. Bodenstedt: „Das Stück wurde gut gespielt u. gewann auch reichen Beifall (besonders wurde Frl. Franz als Käthchen oft gerufen) - machte aber doch auf die gebildeteren Zuschauer einen veralteten Eindruck. Diese Arten von Dramen können in unserer Zeit nur noch als Kuriositäten gegeben werden... Von zusammengreifender Handlung und Charakterentwicklung ist wenig zu spüren. Zudem hat die Holbein’sche Bearbeitung der Kleist’schen Poesie tief in’s Fleisch geschnitten“.  Knapp zwei Jahre später, am 5. Dezember 1869, unternahm man den Versuch, mit Zwischenaktmusiken, die der Oper „Der Vehmrichter“ des Meininger Schauspielmusikdirektors Reif entnommen waren, dem Ritterdrama mehr Glanz zu verleihen.

In den folgenden sechs Jahren ruhte das Stück. Es waren die Jahre, die für die Meininger Theaterverhältnisse einen grundsätzlichen Wandel mit sich brachten. Sofort nach seinem Regierungsantritt konzentrierte Georg II. Seine künstlerischen Aktivitäten auf die Hebung des Niveaus der bisher eher verschlafen wirkenden Hofbühne. Er fand eine solide technische Basis und einen eingespielten Verwaltungsapparat einerseits, ein nur eingeschränkt leistungsfähiges Ensemble sowie eine fehlende ästhetische Programmatik andererseits vor. Seine in den vorangegangenen 30 Jahren gesammelten Kenntnisse der europäischen Theaterszene nutzend, schuf und vervollkommnete der „Theaterherzog“ in lang ausgedehnten Proben den typisch meiningischen Inszenierungsstil, der sich vor allem bei der musterhaften Einstudierung klassischer Dramatik bewährte. Zunächst konzentrierte sich der fürstliche Theaterleiter auf die Einstudierung der Shakespeareschen Dramen, wenig später entdeckte er die deutschen Dramatiker-genies Schiller und Kleist für sein Theater. Vornehmlich die Werke dieser drei Autoren boten die Möglichkeit, einheitlich durchgearbeitete Kunstwerke zu schaffen, die dann zwischen 1874 und 1890 in 81, jeweils mehrwöchigen Gesamtgastspielreisen einem staunenden europäischen Publikum präsentiert wurden.

Nach den 1874 und 1875 errungenen sensationellen Erfolgen der Hofbühne des kleinen Duodezfürstentums aus dem Thüringischen in den Kunstmetropolen Berlin, Wien und Budapest, begann man im Herbst 1875 mit der Vorbereitung der Reisesaison des Folgejahres. Sollte der noch frische Ruhm nicht genau so schnell vergehen wie er errungen worden war, mussten neue Stücke für das Repertoire gefunden werden.

 

 

Rezensionen und Beschreibungen


5. Gastspiel, Berlin, 1. Mai - 18. Juni 1876. Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater

National-Zeitung, 3. Mai 1876

Heute, wo die „Meininger“ zum dritten Male auf einer Berliner Bühne erscheinen, ist es nicht mehr nöthig, ihre Kunstweise zu vertheidigen oder zu empfehlen, allseitig wird anerkannt, daß hier etwas Besonderes und Ungewöhnliches geboten wird; daß hier klassische Dramen in vollendeter, stilvoller Einrichtung vor uns erscheinen...
Das „Käthchen von Heilbronn“ gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Schauspielen der deutschen Bühne; überall wird es gespielt, Jeder hat es gesehen - und dennoch sagt man sich der Meiningen’schen Darstellung gegenüber, daß man jetzt erst die Dichtung Kleist’s verkörpert gesehen. Aus zwei Gründen: einmal kömmt hier der Dichter und nicht der Bearbeiter zum Wort und dann erscheint, bis in die kleinste Einzelheit hin ausgeführt, die Welt, in der das Stück sich bewegt, vor dem überraschten Zuschauer. Die Meininger lassen bei ihrer Aufführung nur vier kurze Auftritte, die letzten des vierten Akts, fort und streichen innerhalb des Textes nur das Nothwendigste...
Die Meininger sind nicht vor dem Wagnis zurückgeschreckt, uns leibhaftig, wie es der Dichter fordert, die schöne Kunigunde in ihrer ganzen greisenhaften Hässlichkeit bei der Toilette zu zeigen; eine vortreffliche Schauspielerin, Fr. von Moser-Sperner, steht keinen Augenblick an, in dieser ebenso fragwürdigen wie lächerlichen Gestalt zu erscheinen. Dabei sei indessen gleich bemerkt, daß die Scene nicht hält, was sie beim Lesen verspricht; während der Leser einen schaurigen Eindruck des Unheimlichen und Hexenhaften empfängt, überwiegt bei dem Zuschauer das Komische; er lacht und freut sich der gelungenen Verwandlung, aber er kann, der Natur der Sache nach, kein ‘Gruseln’ empfinden. Um so reizvoller wirkt die erste Szene des vierten Akts, wo Käthchen sich die Strümpfe auszieht, um durch den Bach zu waten. Das ist so naiv und herzig, so lustig und so jungfräulich verschämt, dass man  sich wundert, wie sich die Darstellerinnen des Käthchens bisher eine solche Szene entgehen lassen konnten...
Die Meininger geben in ihrer Aufführung ein getreues Bild des fünfzehnten Jahrhunderts; wie ihn die Bilder des Theuerdank darstellen, sitzt der Kaiser Max auf dem Altan. Die Rüstungen, die Helme mit den gewaltigen Federbüschen, die Sturmhauben, die Schlachtschwerter sind nach den Origi-nalen in alten fürstlichen Rüstkammern gefertigt; die Damen tragen keine Phantasiekostüme, sondern die echten, schweren Stoffe und Hauben der Zeit. Da ist der Marktplatz zu Worms, hier das Frauengemach der Strahlburg mit dem tiefen Fenster. In Strömen scheint der Regen herabzustür-zen; wenn der Thurm von Thurneck im Feuer Zusammensinkt, hat man die Empfindung, als bräche ein wirkliches Haus prasselnd vor uns nieder. Bilder wie der Gottesgerichtskampf in Worms und der Brautzug, gleichen in ihrer Wahrheit und Farbenpracht den schönsten Gemälden der Eyck’schen Schule. Wohl handelt es sich um die Befriedigung des malerischen Sinnes, um die Wiederspiegelung einer historischen Wirklichkeit; wohl ist, wie man gesagt hat, ein antiquarischer Zug, die Liebhaberei eines Sammlers darin, aber zugleich ersteht auf diesem Hintergrund die Dichtung in ihrer idealen Schöne; erst in dieser Beleuchtung, in diesen Kostümen, mit dem vielen Blechgerassel, das - nebenbei bemerkt - ein wenig gemildert werden könnte, wird sie lebendig. Daß Figuren, wie Kleist sie uns in seinem Schauspiel schildert, nicht der Wirklichkeit angehören, empfindet Jeder; ihre Möglichkeit beruht wesentlich auf dem Untergrund ihrer Zeit. Je deutlicher, farbiger, greifbarer uns nun diese Zeit geschildert wird, um so natürlicher erscheinen auch die Gestalten; aus dem engen Rahmen einer Theaterfigur wachsen sie zu vollen Menschen auf.
Dadurch gewinnt denn auch die Darstellung ein ganz anderes Leben. Mit den zimperlichen, sentimentalen Käthchen, die über die Bühne laufen, verglichen, besitzt das Käthchen des Frl. Pauli eine herzgewinnende Ursprünglichkeit. Das ist das fünfzehnjährige naive Kind, mit der ganzen Kraft der Jugend, dem Naturlaut der Empfindung: nichts Verwaschenes, nichts Schwindsüchtiges... Dies einfache Spiel, dieser freundliche, muntere Ton, das Fernhalten jeder Verzückung hat etwas Wohlthuendes und An-heimelndes, wie jede Offenbarung einer schönen und harmonischen Natur.

K.(arl) Fr.(enzel)


Die Post, 3. Mai 1876

Die scenischen Effecte, die vieles Frühere in den Schatten stellten, waren großartig und überraschend. Der Regen im Walde, der durch einen electri-schen Beleuchtungs-Apparat dargestellt wurde, ist auf einer Berliner Bühne noch nicht dagewesen. Das brennende Schloss und der Zusammensturz desselben ist ein Meisterwerk scenischer Maschinerie, das wohl noch nirgends erreicht worden ist. Leider entwickelte sich dabei ein so intensiver Dampf, daß der Cherub, welcher über dem geretteten Käthchen zu wachen hat, eiligst Reißaus nahm. Die Volksscenen waren meisterhaft arrangirt...
Der realistische Zug der Meininger verleitet die Regie leider zu einigen sehr häßlichen Uebertreibungen. Ich meine nicht den unglaublich langen Helmbusch des Grafen vom Strahl. Solche Ungeheuer wurden wohl bei feierlichen Turnieren von Gecken und Prahlhänsen getragen, aber nicht von ernsthaften Kriegern. Das Schlimmste war die Toilettenscene der bösen Hexe Kunigunde. Hier haben die Meininger die Grenze des auf der Bühne Erlaubten überschritten. In so abscheulicher Gestalt darf uns keine Schauspielerin auf die Bühne geführt werden. Ebenso hätte uns die wenig appetitliche Strumpfscene erspart werden können. Unter dem Hollunderbusch träumt Käthchen und tauscht mit dem Grafen die zärtlichsten Liebesseufzer aus: oben aber auf dem Hollunderbusch hängen ihre nass gewordenen Strümpfe zum Trocknen! Zu guter Letzt schwenkt der Knecht Gottschalk vor Freude mit diesen unglückseligen Strümpfen wie mit einer Fahne umher.

A. R.


Bank- und Handelszeitung, 2. Mai 1876

Gegenüber einer Leistung der Meininger ist es eigentlich überflüssig zu berichten, daß die scenische Einrichtung eine glänzende, daß das historische Colorit in Costümen, Decorationen und Beiwerk ein treues und wissenschaftlich genaues, daß die Darstellung eine gerundete, wirkungsvoll ineinandergreifende ist, daß endlich in den technischen Arrangements und Gruppirungen der so oft bewährte Geschmack herrscht. Zum historischen Colorit des historischen Colorits wollen wir erwähnen, daß der Graf Wetter vom Strahl eine Rüstung trägt, deren Anfertigung 6000 Frcs. gekostet. Daraus schließe man auf das Uebrige. Es läßt sich aus der Inscenirung wieder viel für Costüm- und Utensilienkunde lernen.

 


Neue Börsenzeitung, 2. Mai 1876

Dressur?! Ja wohl! Aber in Freiheit dressirt, und zwar in jener edlen, , echt künstlerischen Freiheit, welche die Schranke des Gesetzes mit heiliger Pietät überall da anerkennt, wo Aesthetik und Lessing sie gezogen, sich jedoch mit ebenso künstlerischer Freiheit über diejenigen zopfigen und im Cultus des ‘Hergebrachten’ grau gewordenen Vorurtheile hinwegschwingt, welche der Kunst und dem Künstler die Flügel beschneiden!...
So oft ich das ‘Käthchen’ bisher - wo auch immer - gesehen, hat mich das ‘Vehmgericht’ mit den vermummten, schwarzlarvigen Gestalten zum Lachen gebracht. Hier wehte ein Hauch der Wahrscheinlichkeit, ein Modergeruch des Mittelalters durch die Lüfte, aus jener unterirdischen Felsengrotte sprach die Ueberzeugung der Illusion.

Siegmey


Freie Presse, 3. Mai 1876

Der Zuschauer, welcher die Darstellung auf der Bühne vergessen und sich in die Begebenheiten der Situation mit ganzer geistiger Hingabe hineindenken will, wird es einem umsichtigen Regisseur stets Dank wissen, wenn er selbst die kleinsten Umstände, die winzigsten Motive nicht unberücksichtigt ließ, um die theatralische Wirksamkeit und somit die Illusion des Hörers zu verstärken. Sicherlich gereicht es den Meiningern nicht zur Unehre, wenn sich diesen ihren Intentionen theilweise schon verschiedene große Bühnen zu ihrem eigenen Vortheil angeschlossen haben...
Ein Zusammenspiel, wie es von den Meiningern repräsentirt wird, ist leider nicht allzu häufig zu finden, die kleinste Parthie wird mit derselben Hingabe gespielt, wie die bedeutendste, Alles klappt und fügt sich aneinander wie am Schnürchen.

R.


Neues Berliner Tageblatt, 5. Mai 1876

Aber das Entscheidende für ein Ritterstück ist der Glanz der Waffen und als Graf Wetter vom Strahl sich zum ersten Male den Helm mit der lang wallenden rothen Federzier aufsetzte, in der funkelnden Rüstung vom Visier bis zur Ferse selbst ein Strahl, da denke ich, hat in manchem jungen Busen das Herz stärker geklopft: Hilf Himmel, das ist ein Held, gegen den mein Gardelieutenant, trotz Degen und Helmbusch, kaum noch wie ein  Soldat aussieht. Mit Rüstungen und Waffen treiben treiben die Meininger einen wahren Luxus. In dem dekorativen Element waltet lediglich das Streben vor, die Rücksichten auf den szenischen Eindruck mit denen auf die historische Ueberlieferung in Einklang zu erhalten...
Da? man in der prächtigen Walddekoration bei Gewitter den Regen nieder-strömen sah und rauschen hörte, ist eins der Mittel, durch welche die Meininger der Illussion nachzuhelfen lieben, aber der brennende Burghof und das auseinandersinkende Gebäude sind mit  das Beste, was Maler und Maschinenmeister mit vereinten Kräften leisten können.

R. M.


Die Gegenwart, 13. Mai 1876

Der Herzog, der nicht nur einen feinen Sinn für die Dichtung und Darstel-lung, sondern auch - und vielleicht vor Allem - für die geschmackvolle Verbildlichung das geübte Auge des Malers besitzt, kann sich die Genugthuung bereiten, nach jeder Richtung hin die Aufführung auf den Proben vorzubereiten und auszuarbeiten, bis sie ihm vollkommen reif erscheint. Der unsaubere Gesell, welcher bei den andern Theatern leider den Vorsitz in  den Sitzungen führt, in denen das Repertoire bestimmt wird: die Casse, findet bei ihm kein Gehör. Für ihn liegt nicht die Nothwendigkeit vor im Laufe des Jahres dreißig oder vierzig neue Stücke... zur Aufführung zu bringen; er beugt sich nur dem sanften künstlerischen Zwange, in dem, was er bietet, den höchstmöglichen Grad der Fertigkeit zu erreichen. Genügen zehn Proben nicht, so werden zwanzig in Anspruch genommen; und reichen zwanzig nicht aus, so bringen es vielleicht dreißig zu Wege...
Durch die Richtigkeit der Costüme, die glückliche Zusammenstellung der Farben, die Treue der Geräthschaften und die künstlerische Ausführung der Decorationen erhielt das ganze Stück den Charakter des Echten und Wahren. Es war ein wirkliches Ritterstück, das wir da sahen. Die Gruppirung der einzelnen Scenen, namentlich der in  der Schenke, in der jede Figur eine charakteristische Stellung einnahm, und des Gruppenbildes auf dem Schloßplatz zu Worms mit dem Kaiser in der Gerichtslaube, umgeben von seinen Rittern, und dem Volk, das sich zu dem prächtigen Schauspiele herandrängt, waren von wunderbarer malerischer Wirkung. Es waren le-bende Bilder von einer Schönheit, einem Geschmack und einem Kunstverständniß, wie man sie sonst nur auf den Feierlichkeiten der Künstler zu sehen bekommt...
Das Auge wird durch die vollkommene Correctheit, die in den Meininger Ausstattungen überall sichtbar ist, so geschärft und so verwöhnt, daß es nun auch an den geringfügigsten Unrichtigkeiten ein Aergerniß nimmt. In keiner anderen Vorstellung würde ich bemerkt haben, daß auf dem Toilet-tentisch der Kunigunde in den sehr schönen echten Leuchtern Stearinkerzen stecken; bei den Meiningern habe ich es gesehen, und mich nach der gelblichen Farbe des Wachses gesehnt. Endlich möchte ich noch dagegen plaidiren, daß die Strümpfe, die sich Käthchen, bevor sie durch den Bach watet, ausgezogen, an den Zweigen des Hollunderbaums aufgehängt werden. Weshalb hängen sie da? Sollen sie trocknen? Sie sind ja gar nicht naß geworden. Die Scene unter dem Hollunderbaum bedingt die vollkommens-te Sammlung für die Dichtung; durch nichts soll man davon abgezogen werden. Die Strümpfe, die über den Zweigen hängen, erregen zunächst eine komische Wirkung, und dagegen ist nichts zu sagen; aber wenn dieser erste Augenblick vorüber ist, so ärgert man sich über den Anblick. Strümpfe sind ja an sich sehr häßlich, und wenn amn die Strümpfe da o-ben sieht, so arbeitet die Phantasie weiter und sagt: Das arme Mädchen liegt jetzt barfuß da und erkältet sich! Und endlich und hauptsächlich ist die Sache malerisch störend. Den Hollunderbaum soll ich mir plastisch als Körper vorstellen; ich soll glauben, daß die Zweige so und so lang, so und so breit sind. Sehe ich nun aber, wie die Strümpfe darüber gehängt werden, und platt herunterhängend gegen die Leinwand anklatschen, so sträubt sich meine Phantasie gegen die Vorstellung des Plastischen und ich sehe nichts mehr als die bemalte Leinwand, auf die verschiedene Farben gekleckst sind und auf der ein Paar Strümpfe hängen.

Paul Lindau

 

 

6. Gastspiel, Dresden, 16. Sept. - 10. Okt. 1876. Königliches Hoftheater in der Neustadt

Dresdner Presse, 25.September 1876

Die Meininger gaben dies Ritterschauspiel mit einem Aufwand von vierzig spielenden Personen, ganz so, wie es Kleist geschrieben. Hier und da waren etliche Stellen gestrichen, wiederum aber Scenen geblieben, deren Wegbleiben das ästhetische Gefühl erforderte. Hierher gehört der Moment, wo der Graf die Peitsche von der Wand nimmt und sich vermißt, solche gegen das Käthchen zu schwingen...
Ein Gleiches betrifft die Scene, wo der Graf Kunigunde bei der Toilette überrascht und solche für die hinkende Großmutter ihrer Zofe hält. Der Dramatiker soll für das Kluge dichten und dieses verträgt nicht absolut Häßliches.
Nicht minder frappirte bei dem Zusammensturz des brennenden Schlosses die wirkliche Erscheinung des Cherubs. Die Hinneigung der Seele an das Ahnen einer geheimnißvoll verborgenen Geisterwelt, die ihre Offenbarung im Traume fand, wird hier durch das sinnliche Wunder enttäuscht...
Friedrich Wetter, Graf vom Strahl, Herr Nesper. Eine Rolle von unbändiger Kraft, eine wahre Granitcolonne jugendlichen Heldenthums, die einen Schauspieler verlangt, der die Begabung hat, allen ihren Anforderungen gerecht zu werden. Urwüchsigkeit und Frische, Treuherzigkeit und Ehren-festigkeit, im Vehmgericht Erzählungston und Nachahmung fremder Stimmen, nicht Hinauswettern und Stentorstimme, alle diese Elemente zu erfassen, bemühte sich der Darsteller auf vielfach sehr gelungene Weise.

Theodor Drobisch


Dresdner Journal, 26. September 1876

Das ‘Käthchen von Heilbronn’ bot in seiner Durchführung, abgesehen von der so phantasie Inscenirung und vollendeten Maschinerie, ein solches Museum der Vergangenheit in Costümen und Decorationen dar - eine ebenso erfreuliche als hochnothpeinliche Correctur vieler Vernachlässigungen, die sich auf dem deutschen Theater eingeschlichen haben.
Die schauspielerische Ausführung der Gäste athmete, abgesehen von der Präcision des Zusammenspiels und der sorgfältigen charakteristischen Sonderung der verschiedenen Rollen, den Geist des echten dramatischen Lebens. Fast alle einzelnen Leistungen erstrebten nach Möglichkeit ihre individuellen Grenzen, und über dieselben nicht hinausgehen zu können, ist ein Naturgesetz, das keinen Vorwurf gegen die betreffende Schauspie-lerkraft in sich schließt...
Die durch diese Darstellung angeregte Frage: ob Kleist’s Drama, wie das hier geschehen, fast wörtlich nach dem Original ohne wesentliche Kürzung und Bearbeitung zu geben sei, ist mit Nein zu beantworten. Ich bin weit entfernt, die vorhandenen Bearbeitungen zu toleriren; es fehlt ihnen an poetischem Verständniß, aber wie gewöhnlich nicht an Gewaltthätigkeit, wie sie eine äußerliche Bühnenroutine dictirt und das wehrlose Objekt erlaubt.  Bei Alledem aber pflegen diese Appreturen wohl oder übel zwei nothwendige Resultate zu erzielen: Kürzung und Vereinfachung des Gegenstandes. Das Unerträglichste bleibt stets ein langer, durch äußerlichen Scenengang complicirt gemachter Theaterabend; was an seinen Hemm-nissen erspart werden kann, wird durch die Aufopferung einiger poetischer Schönheiten und feiner Motive nicht zu theuer überwunden. Die besten Theaterdichter haben endlich lieber sich selbst, als der guten Stimmung des Publicums ins Fleisch geschnitten.
Dazu kommt, daß bei Kleist der Hang zum Unnatürlichen, Gesuchten und seine Unempfindlichkeit gegen das Geschmacklose durch Restituirung des alten Textes immer lebhafter hervortreten; das gilt für Einzelheiten der Sprache, wie der Handlung. Die Scene mit Käthchen beim Überschreiten des Baches ist überflüssig, ein Bleigewicht für den Fortschritt der Action, die Traumgespräche unter dem Fliederbaum sind zu lang, die Hundepeitsche sollte wieder entfernt werden, die Wiedereinsetzung des wohlfeilen innoblen Bühneneffectes in Bezug auf die Belauschung der Kunigunde  bei der Toilette durch den Grafen wäre mit Vortheil zu streichen: eine Coquette, an welcher alle Reize nur vom Zahnarzt, Haarkünstler und Tapezierer hergestellt sind, wirkt abgeschmackt und setzt blinde Ritter und eine ungesunde Dichterverirrung voraus...
Endlich wirkt die Declarationsscene sehr peinlich, in welcher sich ergiebt, daß Graf Wetter vom Strahl für seine ideale Liebe nicht durch ein ehrliches Bürgermädchen, sondern durch eine kaiserliche Bastardstochter belohnt wird. Kleist’s Muse muß einem sehr hohen Grade von junkerlichem Servilismus gehuldigt haben, um ihren Helden bei dieser Wendung der Dinge vergnügt bleiben zu lassen.

Otto Banck


Neue Reichszeitung. Dresden, 26. September 1876

Hier führt man uns eine Reihe hübscher, reizend arrangirter Scenen vor, die auch ohne den Dialog sehr wohl verständlich wären; wir hätten eine Reihe lebender Bilder, welche in ihrer Zusammengehörigkeit und Aufeinanderfolge eine romantische Geschichte darstellen. Aber dramatisch ist das Ganze zu wenig. Es fehlt die Handlung zu sehr, und wo sie vorhanden, ist sie von zu kurzer Dauer. Die Zahl der Scenen nimmt anscheinend kein Ende, und kaum hat eine derselben begonnen, so ist sie auch schon beendet und man sieht sich wieder (bisweilen sogar nach 5 Minuten bereits) dem Vorhange gegenüber, welcher das volle Leben verdeckt, welches sich auf den ‘Brettern, die die Welt bedeuten“,- hätte entwickeln sollen.


7. Gastspiel, Breslau, 15. Okt.. - 16. Nov. 1876. Lobetheater

Schlesische Presse. Breslau, 26. Okt. 1876

Die Meininger begnügten sich indeß nicht mit der einfachen Herstellung des Kleist’schen Textes, sondern scheuten auch keine Mühe, Sorgfalt und Kosten, um eine möglichst künstlerische Versinnlichung desselben herbeizuführen, und ihre Leistung ist in dieser Beziehung eine wahrhaft künstlerische That. Wer nur einigermaßen mit dem Bühnenwesen vertraut ist, der kann diesem mit den complicirtesten Schwierigkeiten verknüpften und doch  so trefflich ausgeführten scenischen Arrangement seine volle Bewunderung nicht versagen, und wer nur mit einigem Schönheitssinn begabt ist, der muß sich von dem Malerischen und Formvollendeten in allem Aeußerlichen hingerissen fühlen. Und trotz des Aufwandes eines so ungeheuren Apparats an Costümen, Decorationen und Maschinerie, wie dies im ‘Käthchen’ erforderlich ist, machte sich jedoch nirgends eine Aufdringlichkeit, nirgends ein grobsinnlicher Effect geltend, herrschte überall Maß und Geschmack. Was endlich das Zusammenspiel anbelangt, so glänzte es wieder trotz der Unmasse von Personen durch eine Einheitlichkeit und Sicherheit des Tones, daß der Zuschauer auch nicht einen Augenblick aus der poetischen Stimmung aufgestört ward. Es ist eine hohe, nicht genug anzuerkennende Eigenthümlichkeit dieser Künstlergesellschaft, daß keinem ihrer Mitglieder jenes comödiantenhafte Wesen anhaftet, das uns so häufig den reinen Genuß selbst an sonst guten Bühnenleistungen verkümmert. Das harmonische Zusammenspiel der Meininger macht uns fast vergessen, daß Comödie gespielt wird.


Breslauer Zeitung, 26. Okt. 1876

Das aus fünf Acten bestehende Stück ist durch die Meininger Darstellung in zwölf Zwischenacte getheilt. Und da der scenische Apparat ein sehr schwieriger ist, muß die Hülfe des Zwischenvorhangs in zum Theil sehr langen Pausen in Anspruch genommen werden. Der Totaleindruck des herrlichen Volksstückes wird dadurch erheblich abgeschwächt - und es spricht in hohem Grade für die Bedeutung und künstlerische Abrundung der gestrigen Vorstellung, daß das Interesse des Publikums trotzdem die ganzen zwölf Acte hindurch ein reges, ungetheiltes blieb.
Aber es wäre falsch, dieses Interesse der Restituirung des Originals zuzuschreiben: dieselbe gehört ausschließlich auf Rechnung der Darstellung, die in allen Theilen eine vorzügliche zu nennen ist. Bei einem Ensemble von vierzig Personen will dies nicht wenig bedeuten, und es möchte wohl kaum ein deutsches Theater geben, das sich nach dieser Richtung hin dem Meininger Hoftheater an die Seite stellen darf. Einzelner besserer Kräfte mag sich manche Bühne rühmen - aber ein Ensemble, in dem die ersten wie die letzten Kräfte gleichmäßig an ihren Aufgaben arbeiten und dieselben mit solcher Vollendung ausführen, dürfte im deutschen Theater-Almanach vergeblich gesucht werden...
Nicht leicht dürfte in der dramatischen Literatur eine unpoetischere und gleich widerliche Erscheinung gefunden werden, als diese Kunigunde, und es legt ein beredtes Zeugniß von der bedeutenden künstlerischen Befähigung der Frau v. Moser ab, daß sie auch diese Rolle so interessant und charakteristisch zu gestalten wußte, wie ihre früheren. Ob es durchaus nothwendig sei, die Scene vorzuführen, in welcher Kunigunde in ihrer Toi-lette von dem Grafen von Strahl überrascht wird, und sich in ihrer körperlichen Häßlichkeit entpuppt, ist eine leicht zu beantwortende Frage. Mir scheint diese Scene weniger in dem Rahmen des Ganzen nöthig zu sein, als die Grottenscene, welche den wirksamen und natürlichen Schluß des vierten Actes bildet, und die die Meininger Regie seltsamer Weise und wohl nur der scenischen Schwierigkeiten halber ausgelassen hat. Aber ge-rade diese Scene, in der Käthchen, aus dem Bade kommend, die Häßlichkeit des Fräuleins Kunigunde entdeckt, und, vielleicht in einem leichten Anflug von Eifersucht, beschließt, dem Grafen dieses Geheimniß mitzutheilen, scheint mir für die Charakteristik des Käthchens wichtiger und im Großen und Ganzen auch anmuthiger, als die Toilettenscene, die ja doch kaum auf der Bühne wahrscheinlich darzustellen ist.

G. K.


8. Gastspiel, Köln, 1. Mai - 10. Juni 1876. Stadttheater


Bonner Zeitung, 13. Mai 1877

Es stand zu erwarten, daß unsere Gäste etwas ganz Besonderes aus dem Werke des unglücklichen Dichters machen würden; sie thun das nach zwei Richtungen hin. Einmal legen sie ihrer Aufführung keine der bekannten Bearbeitungen zu Grunde, sondern halten sich so viel wie möglich an das Original, und zweitens haben sie die gebotene Gelegenheit benutzt, um einmal recht eclatant zu zeigen, wie man ein ‘Ausstattungsstück’ inscenirt.
Was den ersten Punkt betrifft, so sind nur einige Scenen, welche auch durchaus entbehrlich waren und die Dauer der Vorstellung unnöthig verlängert hätten, ganz gestrichen und einige andere, um den gar zu häufigen Decorationswechsel zu vermeiden, zusammengelegt worden; ja, ohne den Totaleindruck zu schädigen, hätte der Rothstift des Regisseurs noch kühner sein dürfen. Mit Bezug auf den zweiten Punkt können wir eigentlich nur sagen: geht hin, seht und staunt!

 

Max Grube: Geschichte der Meininger. Berlin und Leipzig, 1926. S. 90 f.

Das ‘Meininger Käthchen’ war nicht nur eine Inszenierungs-, sondern auch eine dramaturgische Tat. Bis dahin war dies Kleinod unserer Dichtung nur in der Fassung erblickt worden, die ihm die plumpe, manche Zusammenhänge, manche Schönheit zerstörende Hand eines Holbein aufgezwungen hatte: Die Meininger gaben ihm seine ursprüngliche Gestalt zurück. Das war eine beachtenswerte Kühnheit in einer Zeit, die sich noch nicht daran gewöhnt hatte, viel Häßliches auf dem Theater zu sehen und Worte zu hören, die man in guter Gesellschaft vermeidet, die jedoch den zeitgenössischen Stürmern und Drängern ebenso als geniale Kraftäußerungen gelten wie weiland denen des 18. Jahrhunderts. Alle Auftritte wurden gespielt, die der Bearbeiter für zu unschön, wohl gar für unmoralisch gehalten hatte.
Man sah Kunigunde als garstige zahnlose Vettel mit kahlem, nur einige Haarsträhnen aufweisendem Haupt an ihrem Putztische und seinen Schminktiegeln sitzen, sah sie beim Eintritt des Burgherrn humpelnd entweichen und bald darauf in ihrem zurechtgemachten falschen Glanze zu-rückkehren. Ein erheiterndes stummes Spiel war dazwischen eingelegt. Kleist bemerkt hier: ‘Rosalie (die Kammerfrau) nimmt die Toilette und geht.“ Bei den Meiningern erhaschte sie noch schnell einen liegengebliebenen falschen Zopf, den sie hinter dem Rücken verbarg. Knicksend und rückwärts schreitend folgte sie dann ihrer Gebieterin. Auf das Geheimnis von Kunigundens kosmetischen Künsten war man durch die bislang auch gestrichene Szene vor der Badegrotte vorbereitet.
Auch die Gestalt des Kaisers war in vollem Umfange wieder eingeführt worden. Es mag zugestanden werden: das Selbstgespräch, in dem der hohe Herr sich des Schäferstündchens in Heilbronn erinnert, dessen liebliche Frucht Käthchen wurde, ist ziemlich heikel, und daß der brave Waffen-schmied Friedeborn nur ein Pseudovater ist, berührt etwas peinlich. Nach Holbeins Vorgang hat auch die Bearbeitung von Siegen diese Szene gestrichen, und das tat auch die jüngste Aufführung des Deutschen Theaters. Ich glaube, daß man mit solchen Prüderie eine poetische Absicht des Dichters durchkreuzt. Das Bürgerkind mußte eine Kaisertochter sein, dem lie-benden Grafen ebenbürtig. Das ist keine junkerliche Grille des Herrn von Kleist; der Dichterwollte, ganz im Geiste des Mittelalters, die höchste Liebe auch im Glanze höchster Abstammung leuchten sehen.
‘Ein großes historisches Ritterschauspiel’, so nennt der Dichter sein Werk, und auf diesen romantisch-derben Ton war daher auch die Meininger Darstellung abgestimmt. Es klirrte alles von Eisen, breit stapften die braven Recken in ihren Rüstungen daher, laut war ihre Rede; sie freuten sich am Kampfe und waren von Herzen bieder.
Namentlich von Joseph Nesper ließ sich dies sagen; seinem offenen, echt deutschen Wesen lag der Wetter vom Strahl ganz besonders gut, und was für eine blendende Rittergestalt gab er ab!
Als Zeit des Stückes hatte der Herzog die Maximilians, ‘des letzten Ritters’, gewählt. Es fügte sich hübsch, daß Weilenbeck, der den Kaiser gab, mit seinem scharfen Profil und der Hakennase dem Dürerschen Bilde sprechend ähnlich sah. Ein von aller Sentimentalität, zu der die Rolle leicht verführen kann, gänzlich freies Käthchen war Adele Pauli. Aus diesem Käthchen wie aus ihrem hohen Herrn sprach freilich der Geist der großen Künstlerin, die jetzt Freifrau von Heldburg hieß.

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